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Management by Powerpoint

Wie ein Standardprogramm über die inhaltlichen Schwächen einer Präsentation hinweghilft - ein Tag im harten Leben von Projektmanager Frank G.

8.30 Uhr: Der Tag steht offenbar unter keinem guten Stern. Frank G. (Name von der Redaktion geändert) erwachte bereits mit Kopfschmerzen. Beim Frühstück fällt jetzt sein Blick auf seinen Terminkalender. "Projektpr. Vorst" verkündet die 15.00-Uhr-Zeile, begleitet von einem bedrohlich grossem Ausrufezeichen. Sekundenbruchteile später ist Frank G. hellwach, begleitet allerdings von einem unangenehmen Pochen in den Schläfen - die Präsentation des neuen Projekts vor den Vorstandsmitgliedern steht an. Die zweimal verschobene Vorbereitung war gestern allerdings wegen einer Geburtstagsfeier in der Abteilung vergessen worden. Sechs Stunden bleiben noch, und das restliche Frühstück auf dem Tisch.

8.55 Uhr: Nach dem Eintreffen am Arbeitsplatz ergibt eine schnelle Durchsicht der auf seinem Büroschreibtisch abgelegten Unterlagen kaum eine Besserung. Von dem Projektkonzept existieren nur einige dünne Stichpunkte, nicht einmal eine ganze Seite in der Word-Datei - Notizen eines kurzen Brainstormings mit den Projektkollegen, die durch umfassene Recherchen und anschliessende Diskussion ausgearbeitet werden sollten. Dafür ist jetzt allerdings keine Zeit mehr. Mit einer halben DIN-A4-Seite ist der Vorstand aber nicht zu beeindrucken. Frank G. zeigt erste Anzeichen von Resignation und denkt über eine spontane Krankmeldung nach.

9.30: Ein erster Hoffnungsschimmer: Jan M., Kollege aus der Brand-Management-Abteilung, hat keine dringenden Termine und verspricht spontane Hilfe. Er ist ohnehin noch einen Gefallen schuldig und erscheint wie versprochen kurzfristig mit seinem Laptop. Während sich Frank G. immer nur flüchtig mit Präsentationsprogrammen beschäftigt hat, verfügt Jan M. über eine beeindruckende Sammlung von Powerpoint-Dateien. Mit sicherer Hand wählt er eine, bei der eine Reihe von nichtssagenden, aber gutaussehenden Illustrationen die kurzen Texte begleiten.

11.00 Uhr: Mit erstauntem Gesicht schaut Frank G. auf den ersten Ausdruck. Immerhin 21 Seiten sind aus den wenig inhaltsreichen Stichworten entstanden. Noch einmal durchgehen und dann als Handout vorbereiten - der Papierstapel wirkt bestimmt eindrucksvoll.

14.50: Ein heftiger Adrenalinstoss schiesst durch die Adern von Frank G. Der Laptop-Computer seines Kollegen startete zwar brav, allerdings kennt Frank G. nicht die Tastenkombination, um die Darstellung auf den Beamer umzuschalten. Frank G. schaltet hektisch noch einmal sein Handy ein und hat Glück: Sein Kollege ist am Platz, Funktionstaste und F8 lautet die Erfolgskombination.

16.10: Frank G. entspannt sich allmählich. "Gute Arbeit" hatte der Marketingvorstand mit einem leichten Lächeln gesagt. Und: "Können Sie mir die Präsentation mailen?" Wie von seinem Kollegen vorhergesagt hatten die Effekte mit den sich in den Bildschirm schleudernden Texten und den rotierenden Grafiken offenbar erfolgreich vom schwachen Inhalt abgelenkt. Die lange Präsentation hatte für eine sehr kurze Diskussion gesorgt, was Frank G. eine Reihe von unangenehmen Rückfragen erspart hatte. Lediglich das Klingeln seines Handys - er hatte vergessen, es wieder abzuschalten - hatte teils erheiterte, teils amüsierte Reaktionen bei den Vorständen ausgelöst.

17.00 Uhr: Frank G. entspannt sich weiter bei einem Capuccino in der Gemeinschafts-Sitzecke. Er beschließt, zukünftig seine Notizen immer gleich in Powerpoint zu machen. "Crash-Kurs bei Jan machen - dringend!" trägt er in die To-Do-Liste seines Organizers.

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