Management- und Marketingfachleute sind in der ehemaligen Sowjetunion Mangelware
Computer "made in Russia" macht in den USA Karriere

Ein Spielzeug aus Moskau erobert die amerikanischen Jugendlichen. Doch der Hersteller Cybiko ist in Russland trotz vielversprechender Talente eine Ausnahme.

HB MOSKAU. Amerikanische Kids sind hin und weg von Cybiko. Mit diesem Computer im Taschenformat, einer Art Kreuzung zwischen Palm Pilot und Game Boy, können sie spielen, ihre E-Mails versenden und chatten. Seit der Markteinführung im April 2000 hat sich Cybiko in Amerika zum Renner entwickelt.

Geistiger Vater des schicken Apparats ist David Yang, einer der erfolgreichsten Unternehmer in der russischen Informationstechnologie. Der 32-Jährige leitet ein Imperium von 190 Programmierern und Ingenieuren, die drei Stockwerke eines brandneuen Geschäftszentrums im Norden von Moskau in Beschlag nehmen. Doch sie werden in der Hochglanzbroschüre der Gesellschaft nicht erwähnt.

Denn das Unternehmen selbst kehrt seine Verbindung zu Russland nicht gerade heraus. Seine Zentrale befindet sich in Bloomingdale im US-Bundesstaat Illinois, wo ein 22-köpfiges Marketing- und Management-Team untergebracht ist. "In Wahrheit denken viele Leute, Cybiko komme aus Japan", sagt Yang. "Aber mal ehrlich: Den Kunden sollte die Herkunft völlig egal sein - solange sie es mögen."

Yang ist ein lebendes Beispiel für das gute Bildungswesen in der ehemaligen Sowjetunion

Trotz all dieser Geheimniskrämerei ist Yang ein lebendes Beispiel für eine der größten Stärken der ehemaligen Sowjetunion: das Bildungswesen. Der Sohn eines chinesischen Vaters und einer armenischen Mutter studierte Festkörperphysik am Moskauer Institut für Physik und Technologie, kurz MFTI, dem Gegenstück zum amerikanischen M.I.T. oder zum britischen Imperial College of London. 1989 gründete er eine Software-Firma namens Abbyy, die eines der weltweit führenden Software-Programme für die optische Zeichenerkennung entwickelte.

Immer noch gilt das Land als Brutstätte für Talente im Hochtechnologie-Bereich, aber die können ihr Wissen nur selten in einen sicheren geschäftlichen Erfolg umsetzen. So ist Yangs Unternehmen in seiner Heimat immer noch ein Ausnahmefall. Abgesehen von Cybiko spielt Russland im Weltmarkt für technische Spielereien keine Rolle.

"Es ist ein großer Unterschied, über Hochtechnologie zu verfügen oder damit ein Unternehmen aufzubauen", urteilt Esther Dyson, Internet-Guru und Vorsitzende von Edventure Holdings. Ihr Fonds hat Millionen von Dollar in russische IT-Unternehmen investiert, darunter Cybiko. "Die Technologie wird nur dann interessant, wenn du etwas Brauchbares damit anstellst - wie etwa Spielzeug für Teenager."

Wagniskapital ist rar, günstige Bankkredite selten

Für die, die es versuchen wollen, sind die Hürden beachtlich hoch. Wagniskapital ist rar, günstige Bankkredite sind noch seltener. Selbst David Yang, der als Leiter von Abbyy immerhin schon einen Namen hatte, musste sich Geld von Freunden und Verwandten leihen, um Cybiko zu gründen.

Probleme bereitet den erfolgreichen russischen IT-Unternehmen auch die Suche nach Managern und Marketing-Talenten: Wo soll man sie finden in einem Land, das erst seit zehn Jahren Erfahrung mit dem Kapitalismus hat?

In Moskau ansässige Inkubatoren, Förderer und Technologieberater sind allerdings dabei, russischen Wissenschaftlern westliche Geschäfts- und Finanzkenntnisse beizubringen. Die Firma A.Partners hat am MFTI, der Alma Mater von David Yang, einen Kurs für Internet-Projektmanagement ins Leben gerufen. Dabei sollen Studenten lernen, wie man Marken aufbaut und Investitionen anzieht. "Wir wollen sicherstellen, dass sie als Programmierer nicht nur in die Lohnsklaverei verkauft werden", sagt Andrei Vakulenko von A.Partners.

Cybiko ist auf solche Ratschläge mittlerweile nicht mehr angewiesen. Im vergangenen September hat sich der Internetdienst America Online (AOL) finanziell an der Firma beteiligt. Über die Höhe der Beteiligung oder des Kaufpreises schweigen beide Seiten.

Chat-Dienst machte Cybiko-Computer populär

Investoren interessiert weniger die Technologie des mit 129 Dollar (rund 140 Euro) noch relativ preiswerten Spielgeräts als die Art der Nutzung: Teenager sind über ihren Cybiko in einem kleinen drahtlosen Netz (drahtloses LAN) verbunden, in dem sie in einer Entfernung von bis zu 90 Metern miteinander kommunizieren können (im Innenbereich 45 Meter). Ähnliche Möglichkeiten bietet auch die drahtlose Technologie von Bluetooth. Die Geräte, die auf Bluetooth zurückgreifen, sind aber weitaus teurer und bieten keine Chat-Dienste, mit deren Hilfe Cybiko so populär wurde.

Gerade mal sechs Monate hatte die Entwicklung des Prototyps gedauert, nachdem Yang im Januar 1999 sein ursprüngliches Produktionsteam aus zehn Leuten zusammengestellt hatte. Sechs Monate später ging das Gerät in die Massenproduktion. In einem Land, in dem die Programmierer mit viel Glück etwa 1 000 Dollar im Monat verdienen, hat das ganze Projekt vom Entwurf bis zur Entwicklung der zweiten Modellgeneration weniger als 100 Millionen Dollar gekostet - ein Bruchteil der Kosten, die im Westen angefallen wären. Dieses Tempo und die niedrigen Lohn- und Produktionskosten könnten Russland eines Tages einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Investorin Esther Dyson sieht ein wesentliches Problem auf dem Weg dahin im fehlenden Geschäftssinn. Russische Wunderkinder müssten lernen, wie man verständliche Geschäftspläne aufstellt. Das habe zwangsläufig Einfluss aus dem Westen zur Folge. "In Russland gibt es derzeit keinen, für den diese Leute ausgebildet werden könnten." Es bleibt die Hoffnung, dass Russland mit dieser Hilfe vielleicht bald am laufenden Band smarte Geräte wie Cybiko produziert. Dann vielleicht sogar mit dem Aufdruck "Made in Russia" auf der Rückseite.

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