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Manager auf der Mattscheibe

Aus Angst vor Anschlägen reisen Entscheider kaum noch. Doch sind Telekonferenzen eine Alternative?

Gähnende Leere in der Business Class: Linienflüge nach Übersee werden durch Sonderangebote aufgefüllt. Die IT Systems, -Fachmesse die heute in München startet, verliert ihre Aussteller: "Rund 500 Unternehmen haben seit Juli ihre Anmeldung zur Messe wieder zurückgezogen", berichtet die Messe München.

Statt persönlichem Kontakt auf Messen oder in Konferenzen bleiben Manager zu Hause - zum einen weil sie seit den Anschlägen vom 11. September Angst vor Terroristen haben, zum anderen weil die Folgen der schwächelnden Wirtschaft an den Reisebudgets knabbern. Die Nachfrage nach mietbaren Videokonferenzräumen für Diskussionen per ISDN oder Internet über die Web- Sprache IP (Internet Protokoll) wächst in diesen Tagen sprunghaft an.

Für die Ford Werke sind Telekonferenzen "Business as usual", sagt ein Sprecher: "Wir nutzen diese Systeme seit Jahren." Er verstehe die ganze Euphorie gar nicht, die bei anderen Unternehmen seit den Terroranschlägen ausbreche. Die Kostenersparnis durch ein Minimum an Dienstreisen sei enorm - da hätten die Unternehmen auch schon früher drauf kommen können.

"Unsere Top-Manager haben alle eine Kamera an ihrem Bildschirm und können individuell telekonferieren." Nur bei Erstkontakten mit Kunden und Lieferanten solle nicht auf die soziale Komponente des persönlichen Gesprächs verzichtet werden: "Der Erfolg einer Neuakquisition resultiert nicht allein aus der fachlichen Überzeugung."

Sergey Frank, Partner der Unternehmensberatung Kienbaum kennt die Knackpunkte einer Telekonferenz: "Wichtig ist eine Strukturierung des Ablaufs durch eine Agenda." Die Kommunikationspartner müssten wissen, wann wer zu reden hat, sonst käme es zu einem unverständlichen Wortgewirr. Und: "Sympathie, Affektion und Gereiztheit kann ohne körperliche Nähe schlecht begegnet werden." Deswegen sei es wichtig, detaillierte Analysen und schwerwiegende Entscheidungen von Angesicht zu Angesicht auszufechten.

Der niederländische Elektronik-Riese Philips hat das bereits verinnerlicht. "Wir haben unsere Videokonferenz für diese Woche schon seit langem geplant." Dauern darf sie aber höchstens drei Stunden - länger könne man sich auf so einer virtuellen Basis schwer konzentrieren. "Es ist natürlich ein intensiveres Gespräch, wenn man das Thema nach der Konferenz noch bei einem Kaffee überdenkt", bemerkt ein Sprecher. Ähnlich sieht es Frank Pacetta, Berater und Autor des Buches "Du bist der Chef - Mach was draus". Dass in einer Videokonferenz eine umfassende Gruppeninteraktion stattfindet, sei eine Illusion: "Interaktion ja, aber umfassend nein", kommentiert der Management-Guru. "Mal ehrlich, waren Sie bei ihrer letzten Konferenzschaltung wirklich aufmerksam oder haben Sie nebenbei Memos gelesen oder Schecks unterschrieben?"

Was bei großen Unternehmen seit langem Alltag, ist für Kleinere absolutes Neuland. Tatsächlich interessieren sich aber jetzt auch diese verstärkt für die moderne Art der Konferenz. Seit dem 11. September sieht sich die MVC Telekonferencing aus Köln einem wahren Ansturm ausgesetzt: "Die Buchungen unserer Teleseminarräume haben sich mehr als verdoppelt." Angst oder ein erhöhter Sparkurs lasse viele Firmen eines der 1 500 virtuellen Konferenzzimmer weltweit einfach mal ausprobieren.

Bei eigenen Anschaffungen entsprechender Technik halten sich die Unternehmen allerdings noch zurück. Die einfachsten Systeme bestehen aus PC, Kamera und entsprechenden Programmen. Kosten: rund 2 000 DM.

Fragt sich nur: Soll die Verbindung über ISDN laufen oder über das Internet in Form der Web-Sprache IP? "Das Problem von IP ist die teilweise noch fehlende Bandbreite für eine hinreichend gute Übertragungsqualität", sagt Jörg Hoffmann, Deutschandchef von MVC. "Über ISDN hat man dagegen weltweit einen gleich guten Standard." Dafür ist IP billiger, man zahle nur die normale Ortsnetzgebühr und ein Internetanschluss gehört heute zur Standardausstattung. ISDN beansprucht dagegen grundsätzlich zwei Leitungen. Folge: doppelte Kosten. Ein Netzanschluss für ISDN muss außerdem teilweise erst verlegt werden.

Doch selbst wenn die Technik steht, scheitert so mancher noch. Einfach nur einen Mitarbeiter einzuweisen, reicht nicht. Es bedarf einer Gruppe kundiger Helfer, damit immer jemand da ist, der den Chefs die Telekonferenz einschaltet - denn einfach zu bedienen sind die Systeme nicht.  Christin Kröger



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