Manager, die im Jahr 2001 von sich reden machten
Von Siegern, Verlierern, Jägern und Gejagten

Rezession, Börsenbaisse, der Terror vom elften September – manch bequemer Vorstandssessel wurde unversehens zum Schleudersitz. Doch es gab auch Gewinner der Krise: mutige Aufkäufer oder neue Hoffnungsträger auf dem Chefposten.

In Herzogenaurach, tief in der fränkischen Provinz, kennt ihn jedes Kind. Jürgen Geißinger ist Chef des Wälzlagerherstellers INA, des größten Arbeitgebers am Ort. 7 000 Menschen stehen bei ihm in Lohn und Brot. Doch die Kleinstadtidylle reicht ihm nicht mehr. Geißingers kühner Plan: Mit der feindlichen Übernahme der börsennotierten FAG Kugelfischer AG will er INA in die Weltliga katapultieren.

Klammheimlich kauft INA im Sommer die ersten Aktienpakte auf, Mitte September folgt ein offizielles Übernahmeangebot für FAG. Der Schweinfurter Konkurrent, als Publikumsgesellschaft ohne Großaktionär solchen Attacken schutzlos ausgeliefert, gibt Mitte Oktober auf. Geißinger ist am Ziel: 720 Mill. ?, weniger als ein Drittel eines Jahresumsatzes, bezahlt er für die profitable FAG.

Dass selbst Aktiengesellschaften mit stabilen Mehrheitsverhältnissen ins Visier der Raider – der Firmenjäger – geraten können, diese Erfahrung machten im Februar der Mischkonzern Rheinmetall und die Familie Röchling, die mehr als 60 % der Anteile kontrolliert. Angelockt wie INA bei FAG durch den niedrigen Aktienkurs, steigt ein US-Investor bei Rheinmetall ein.

"Wacht auf und riecht das Napalm"

Guy Wyser-Pratte sucht weltweit nach unterbewerteten Firmen, die ein schlechtes Management und in ihrer Bilanz viele Schätze verborgen haben. Mit seinem Rambo-Image, das ihm Schlagzeilen wie "Der ehemalige Offizier der Marines terrorisiert unsere Firmenchefs" oder "Wacht auf und riecht das Napalm" beschert, hat er keine Probleme.

Wyser-Pratte macht Druck. Er fordert, Rheinmetall solle sich ganz aufs lukrative Rüstungsgeschäft konzentrieren. Vorstand und die Familie lehnen ab. Ehe es zum offenen Streit kommt, lenken die Röchlings ein: Sie kaufen ihm seine Aktien ab. Wyser-Pratte dürfte seinen Einsatz verdoppelt haben.

Noch ein anderer US-Investor sieht in Deutschland Chancen für ein großes Geschäft: John Malone. Der Chef von Liberty Media kauft zuerst den Großteil des Kabelfernsehnetzes von der Deutschen Telekom. Dann verkündet er überraschend, er werde vom australischen Medienzar Rupert Murdoch Anteile an Leo Kirchs marodem Bezahlfernsehen Premiere übernehmen. So will der US-Kabelkönig das Netz und das Abofernsehen kontrollieren. Noch hofft Kirch, dass das Bundeskartellamt den Coup des aggressiven Amerikaners stoppt. Consors-Chef Karl Matthäus Schmidt hingegen bietet monatelang den Nürnberger Direktbroker wie Sauerbier zum Verkauf an. Doch niemand greift zu. Es ist freilich auch nicht die feine Art, wie Karl Matthäus und sein Vater, Privatbankier Karl Gerhard Schmidt, vorgehen. Gleich drei Investment-Banken sollen nach Kaufinteressenten suchen, in der Hoffnung, sie dann gegeneinander auszuspielen.

Immense Wertberichtigungen ruinieren Schmidt-Bank

Im November muss Vater Schmidt, geschäftsführender Gesellschafter der Schmidt Bank im bayerischen Hof und zugleich Mehrheitsaktionär bei Consors, große Probleme einräumen. Immense Wertberichtigungen im Kreditgeschäft bringen eine der letzten familiengeführten deutschen Privatbanken in die Schieflage. Bis zuletzt will er nicht wahrhaben, dass seine Bank am Ende ist. Doch am 1. Dezember muss Schmidt die Führung an den Sanierer und früheren BfG-Chef Paul Wieandt übergeben.

Alles verzockt hat Kurt Ochner, Ex-Vorstandsmitglied der Julius Bär Kapitalanlagegesellschaft. Früher als andere entdeckt er die Goldgrube Neuer Markt und erwirbt Aktien von marktengen Werten, bei denen kleinere Kauforders für große Kursausschläge sorgen. In der Phase der Euphorie geht alles gut, Ochner gilt bald als "Guru" des Neuen Markts.

Doch als die New Economy zusammenbricht, sitzen die Anleger in der Falle: Viele Firmen, die Ochner beraten und bisweilen auch an die Börse begleitet hat, müssen Insolvenz anmelden, weil ihre Geschäftsmodelle nichts taugen. Im April tritt Ochner zurück.

Vom Star zum Buhmann mutiert ist auch Infineon-Chef Ulrich Schumacher. Im Juni, 15 Monate nach dem Start an der Börse, fällt der Kurs der neuen deutschen Volksaktie erstmals unter den Ausgabepreis; am Jahresende plagt Erstzeichner noch immer ein Minus von fast 40 %. Übel nehmen die Anleger – vor allem aber Siemens-Lenker Heinrich von Pierer – dem Infineon-Chef, dass er die katastrophale Ergebnisentwicklung der Siemens-Tochter zu lange verharmlost. Jetzt schreibt der Chiphersteller nicht nur Verluste in Milliardenhöhe, auch die Kooperationsgespräche mit Toshiba sind geplatzt. Schumachers Vertrag läuft noch bis 2003. Ob er dann noch im Amt ist?

MDax-Ausschluß kann Porsche nicht stoppen

Wendelin Wiedeking hat sich dagegen seinen Vertrag als Porsche-Chef vorzeitig bis 2007 verlängern lassen. Absatz, Umsatz und Gewinn – in allen drei Disziplinen legt der Stuttgarter Sportwagenhersteller immer neue Bestwerte vor. Viele Konkurrenten würden ihn gern abwerben. Auch in anderen Fragen bleibt er stur. Weil sich der Westfale nicht dem Diktat der Quartalsberichte unterwirft, schmeißt die Börse Porsche aus dem MDax. Stoppen kann das die Aktie aber nicht.

Erfolg und Misserfolg liegen oft dicht beieinander – wie bei Ford- Chef Jacques Nasser. Zunächst als brillanter Kopf gefeiert, weil er Ford zu einem der weltweit effizientesten Autokonzerne macht, gerät er in diesem Jahr immer stärker unter Druck. Erst der spektakuläre Reifenskandal mit Firestone, dann teure Rückrufaktionen und schließlich die allgemeine Absatzkrise der Branche: so rutscht der zweitgrößte Autohersteller der Welt in die roten Zahlen – und Nasser vom Siegertreppchen auf die Verliererstraße. Im Oktober übernimmt William Clay Ford, Urenkel des Firmengründers Henry Ford, das Steuer.

Die Wende zum Besseren schaffen will auch der neue Opel-Lenker Carl-Peter Forster: Im März löst der frühere BMW-Vorstand den glücklosen Amerikaner Robert Hendry ab. Mit seinem Programm "Olympia" hofft Forster, Opel wieder profitabel zu machen.

Der verlässlichste Gewinnlieferant innerhalb des VW-Konzerns ist Franz-Josef Paefgen schon lange, trotzdem muss der Audi-Chef seinen Stuhl für Martin Winterkorn räumen. Gravierende Fehler macht Paefgen keine, aber die Chemie zwischen ihm und dem scheidenden Konzernchef Ferdinand Piëch stimmt einfach nicht. In einer seiner letzten Amtshandlungen demontiert Piëch seinen einstigen Liebling öffentlich.

Pischetsrieder mit glanzvollem Comeback

Bitter für Paefgen: Er ist der einzige Spieler, der vorzeitig aus dem Kader des künftigen Konzernchefs Bernd Pischetsrieder gestrichen wird. Der Bayer, 1999 wegen des Rover-Debakels als BMW-Chef gefeuert, feiert in Wolfsburg ein glanzvolles Comeback: Im April tritt er die Nachfolge von Piëch an.

Britta Steilmann hingegen steht schon ganz oben. In diesem Sommer übernimmt sie die Führung der Bochumer Bekleidungsgruppe ihrer Familie und schafft – im zweiten Anlauf – das, was 2001 nur wenige Frauen schaffen: den Sprung ins Top-Management eines großen deutschen Unternehmens. Vor zwei Jahren ist die Kronprinzessin schon einmal kurz davor gewesen, das Zepter bei Steilmann zu übernehmen. Doch sie geriet mit ihrem Vater Klaus über den Kurs einer der größten Textilgruppen Europas aneinander. Knall auf Fall verließ sie die Firma.

Während Britta Steilmann ihr Können noch unter Beweis stellen muss, kann Puma-Chef Jochen Zeitz schon seine Erfolgsbilanz vorlegen. 2001 beschert er seinen Aktionären mehr als 160 % Kursgewinn und lässt damit sogar den Erzrivalen Adidas hinter sich. Vorbei sind die Zeiten, in denen Puma Geld fast nur mit Fußballschuhen verdient. Die Marke mit der Wildkatze im Logo ist vor allem bei den Kids wieder begehrt. Auch nach acht Jahren im Amt wirkt Zeitz, inzwischen 38, noch so, als sei er jederzeit zum Sprung bereit.

Schneider krönt mit Wall-Street-Listing Bayer-Karriere

Ein Jahr länger im Amt als Zeitz ist Manfred Schneider. Auch mit 63 sprüht der Chef des Leverkusener Chemie- und Pharmakonzerns Bayer vor Tatendrang. Mit dem Listing an der Wall Street – zunächst geplant für September – will Schneider seine fast 40-jährige Karriere unter dem Bayer-Kreuz krönen.

Auch wenn Schneider es sich selbst nicht eingestehen mag: Aus heutiger Sicht wäre es wohl klüger gewesen, bereits in diesem Frühjahr – und wie bei Bayer üblich mit 62 – abzudanken. Denn nun fällt in seine Amtszeit der Lipobay-Skandal. Wegen lebensgefährlicher Nebenwirkungen muss Bayer den umsatzstarken Cholesterinsenker im August vom Markt nehmen. Der Imageschaden ist beträchtlich, Aktienkurs und Ergebnis stürzen ab. Erstmals schreibt Bayer rote Zahlen.

Am Nikolaustag muss Schneider eine weitere bittere Pille schlucken. Der Aufsichtsrat beschließt eine neue Führungsstruktur für den Konzern mit vier unabhängigen Sparten. Bayer beugt sich so Finanzanalysten, die das schon lange fordern, aber stets bei Schneider abblitzen.

Corti kann Swissair nicht in der Luft halten

Ach, wenn sich doch die Zeit zurückdrehen ließe, wird sich Mario Corti sagen. Im März schmeißt er seinen mit zwei Millionen Schweizer Franken dotierten und krisenfesten Job als Finanzvorstand bei Nestlé, um Chef der Swissair zu werden. Der Finanzexperte scheint genau der Richtige zu sein, die durch Missmanagement und Milliardenverluste in eine schwere Krise geratene Airline vor dem Absturz zu retten. Und tatsächlich schafft es Corti, den Wirrwarr aus Beteiligungen, Finanzierungszusagen und undurchschaubaren Leasing-Geschäften zu entflechten. Doch der passionierte Sportpilot kann Swissair nicht in der Luft halten. Anfang Oktober, drei Wochen nach den Terroranschlägen in den USA, die die gesamte Luftfahrtbranche ins Chaos stürzen, ist Swissair pleite.

Dieses Schicksal bleibt der Mülheimer Tengelmann-Gruppe erspart. Unter Karl-Erivan Haub, dem ältesten Sohn von Firmenpatriarch Erivan Haub und seit 1999 Deutschland- und Europachef, meldet der fünftgrößte deutsche Lebensmittelhandelskonzern einen eindrucksvollen Turnaround: Nach einem Verlust in dreistelliger Millionenhöhe vor zwei Jahren schreibt die 125 Jahre alte Familiengesellschaft wieder schwarze Zahlen. Haub junior empfindet Genugtuung: dass er alle Kritiker, die Tengelmann in der schwersten Krise bereits in der Pleite sahen, eines Besseren belehrt.

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