Manager galt lange als unantastbar
Dresdner trübt Schulte-Noelles Erfolgsbilanz

Nach mehr als einem Jahrzehnt an der Spitze des Allianz-Konzerns tritt Henning Schulte-Noelle auf der Hauptversammlung am Dienstag ab. Jahrelang galt der 60-Jährige mit dem auffälligen Schmiss auf der Wange als einer der angesehensten und mächtigsten Manager Deutschlands. Unter seiner Regie stieg die Allianz von einem überwiegend nationalen Versicherungsanbieter zu einem globalen Konzern mit mehr als 180 000 Beschäftigten in mehr als 70 Ländern der Welt auf. Doch ausgerechnet eine Übernahme im eigenen Land verhagelte Schulte-Noelle den glorreichen Abtritt.

HB/dpa MÜNCHEN. Durch das Debakel bei der Dresdner Bank muss er sich auf der Hauptversammlung mit einem Milliardenverlust für 2002 von den Aktionären verabschieden und hinterlässt seinem Nachfolger Michael Diekmann viel Arbeit.

"Das Drama mit der Dresdner Bank ist eine Tragik für den Abschluss seiner Karriere", sagt Daniela Bergdolt von der Deuschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Noch vor wenigen Jahren stand die Allianz blendend da. Milliardengewinne sprudelten, und die Aktionäre freuten sich über einen Aktienkurs von mehr als 400 ?. "Damals hätten ihm die Aktionäre auf der Hauptversammlung Glorie gesungen", sagt Bergdolt.

Dank des unternehmerischen Geschicks des Konzernchefs war die Allianz zu einem internationalen Versicherungsriesen geworden, den nichts aus der Bahn zu werfen schien. Schritt für Schritt hatte Schulte-Noelle die Expansion der Allianz in Europa, Asien und den USA vorangetrieben. Der spektakulärste Coup war im Jahr 1997 die Übernahme der französischen Versicherung AGF, durch die die Allianz in die Liga der Global Player aufrückte. Aber auch durch den großen Anteilsbesitz der Allianz an anderen Konzernen und einer Reihe von Aufsichtsratposten gehörte Schulte-Noelle zu den wichtigsten Managern im Land.

Auch von der Übernahme der Dresdner Bank hatte sich Schulte-Noelle viel versprochen. "Big is beautiful", schwärmte er kurz vor dem Deal vor zwei Jahren. Die massive Börsenkrise machte der Allianz aber einen Strich durch die Rechnung. Statt des erhofften Gewinns steuerte die Dresdner im vergangenen Jahr einen Milliardenverlust zum Allianz - Ergebnis bei. Zusammen mit den Folgen des Jahrhunderthochwassers und Abschreibungen auf Aktien schloss die Allianz das Jahr mit einem Fehlbetrag von 1,2 Mrd. ? ab. "2002 war für uns ein sehr schlechtes Jahr", resümierte Schulte-Noelle. Der Aktienkurs rauschte von Woche zu Woche tiefer in den Keller und dümpelte zeitweise bei weniger als 60 ?.

Doch selbst als die Misere durch die Übernahme der Dresdner Bank im vergangenen Jahr offensichtlich wurde, wagte kaum jemand öffentlich Kritik an Schulte-Noelle. "Er war unantastbar", sagt ein Branchenkenner. Mit der Ankündigung seines Rücktritts verhinderte Schulte-Noelle im Dezember, dass sich dies ändern könnte. Selbst an diesem Tag zeigte Schulte-Noelle keine Emotionen. Nicht zuletzt sein stets souveränes Auftreten und seine analytische Art hatten den gebürtigen Westfalen zum Inbegriff des erfolgreichen Unternehmenslenkers gemacht.

Offiziell begründete er seine Entscheidung mit seiner persönlichen Lebensplanung. "Ich habe es immer für eine Illusion gehalten zu glauben, als Chef eines großen Unternehmens könne man dieses in einem Zustand übergeben, wo alles abgearbeitet ist, keine Probleme oder sonstigen Herausforderungen bestehen, also etwa nach dem Motto 'leerer Schreibtisch und absolut besenrein'", sagte Schulte-Noelle. Seinen Schreibtisch in der Chefetage wird er zwar am 29. April räumen. Der Allianz will er aber treu bleiben. Wenn die Aktionäre zustimmen, strebt er einen Posten im Aufsichtsrat an. Aktionärsschützerin Bergdolt hält dies nicht für die ideale Lösung. "Der Chef eines Aufsichtsrats sollte auch den Mut haben, den eingeschlagenen Kurs des Vorstandes zu korrigieren." Dies werde einem ehemaligen Vorstandschef wohl schwer fallen.

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