Manch ein US-Bürger hat sein Leben nach dem 11. September drastisch verändert - zum Positiven.
Schock-Therapie

Die Terroranschläge haben die Prioritäten vieler Amerikaner drastisch verschoben. Familie, Freunde und das öffentliche Gemeinwesen rücken in den Mittelpunkt. Manch einer traut sich erst nach dem Schock, das zu tun, was er schon immer mal wollte.

wsj/HB NEW YORK/DÜSSELDORF. Nach den Terroranschlägen in den USA zogen Lorna Paine und ihr Mann aus Houston, Texas, fort - nach New York. Denn eigentlich wollte sie schon lange zurück nach Long Island. Auf der 80 Meilen langen Insel vor der Metropole war Lorna groß geworden, leben immer noch Familie und viele Freunde, die sie vermisste. Wegen der hohen Lebenshaltungskosten hatte sich das Ehepaar nie getraut umzuziehen.

"Auf was warten wir eigentlich?"


Der Wunsch nach Nähe verstärkte sich nach dem 11. September, und als Paine ihren Job bei einer Softwarefirma verlor, fiel die Entscheidung: "Mein Mann und ich schauten uns an und sagten: 'Auf was warten wir eigentlich?'." Sie fand einen neuen Job auf Long Island, für ihn, der zuvor als Chefkoch in einer Klinik gearbeitet hatte, kaufte das Paar einen kleinen Lebensmittelladen.

Die Terroranschläge haben die Prioritäten vieler Amerikaner drastisch verschoben. Familie, Freunde und das öffentliche Gemeinwesen rücken in den Mittelpunkt. Manch einer traut sich erst nach dem Schock, das zu tun, was er schon immer mal wollte.

Ereignisse von New York wohl doch zu fern


In Deutschland sieht das anders aus. "Wahrscheinlich sind die Ereignisse von New York doch zu fern", sagt die Psychologin und Personalberaterin Madeleine Leitner. Bisher hat sie noch keinen Klienten beraten, der sich wegen der Terroranschläge verändern wollte. Zumindest ins Grübeln über den Sinn des Lebens und die eigene Karriere werde aber schon mancher Manager gekommen sein. "Vielleicht verändert sich da mittel- oder langfristig noch was Grundlegenderes", sagt Leitner. Nicht zuletzt habe an diesem Denkprozess auch das Zerplatzen der Luftblase "New Economy" seinen Anteil.

Keine typisch amerikanische Verschwendungssucht mehr


Bob Goodsell ist so ein Fall. Der Computerprogrammierer aus Ann Arbor, Michigan, hatte vor den Terroranschlägen mit Politik nichts am Hut. Der 11. September entzündete bei ihm eine neue Leidenschaft, für seine Überzeugungen einzutreten. Goodsell begann, sich über die Weltpolitik zu informieren und den demokratischen Kongress-Kandidaten Lynn Rivers beim Wahlkampf zu unterstützen. Außerdem fuhr er neuerdings mit dem Fahrrad oder Bus statt mit dem Auto, aß kein Fleisch mehr, schränkte seinen Energieverbrauch ein und kaufte sich weniger Sachen als früher. "Ich will zeigen, dass mein Lebensstil viel mehr Spaß und Genugtuung bringen kann als die typisch amerikanische Verschwendungssucht." Auch ein Jahr nach dem 11. September ist er von seinem Weg mehr denn je überzeugt.

Goodsells Wille, Gutes zu tun, ist keine Seltenheit. So stieg etwa nach den Anschlägen die Zahl der Mitglieder gemeinnütziger Organisationen wie des Center for a New American Dream (Zentrum für einen neuen amerikanischen Traum) drastisch an. Das Zentrum will die Umwelt schützen, die Lebensqualität verbessern und die soziale Gerechtigkeit fördern. Auch stiegen die Anfragen, wie man dem Bundesverband der medizinisch-technischen Notarztassistenten beitreten könne, um 35 Prozent.

Plötzlicher Wunsch, anderen zu helfen


D.J. Thomas aus Gresham, Oregon, fand in diesem Bereich sogar seine neue berufliche Bestimmung. Lange hatte sich der Computertechniker nach einer schmerzhaften Scheidung von einem Job zum anderen gehangelt. Zwar halfen ihm seine Freunde, in seinem Leben einen neuen Sinn zu finden - "Mein Herz und mein Mitgefühl jedem entgegenzubringen, den ich treffe." Doch eine passende Stelle konnte er auf dem Arbeitsmarkt nicht zu dieser Maxime finden. Entmutigt wollte Thomas die Suche aufgeben. Nach den Terroranschlägen spürte er jedoch plötzlich wieder seinen Wunsch, anderen zu helfen. Kurz entschlossen meldete sich der Computerexperte für eine Ausbildung zum medizinisch-technischen Notarztassistenten an. Die Basiskurse absolvierte er mit Erfolg und beschloss, auf diesem Weg weiterzugehen. Zum ersten Mal seit langem hat er wieder einen festen Arbeitgeber im Visier: die Metro West Ambulance in Hillsboro, Oregon.

Keine Lösung für persönliche Probleme


Schockerlebnisse wie der 11. September können äußerliche Veränderungen auslösen, die sich wiederum positiv auf das Berufs- und Privatleben auswirken. Doch eines können sie nicht - grundsätzliche persönliche Probleme lösen. Diese Erfahrung machte auch die Produktivitätsmanagerin einer Hochtechnologiefirma. Die Terrorattacken machten ihr erstmals die Zerbrechlichkeit des Lebens bewusst. Sie nahm sich vor, 2003 ihre Stelle aufzugeben, mit der sie schon länger Probleme hatte. Stattdessen wollte sie als Künstlerin arbeiten. Probeweise nahm sich die Managerin eine Woche frei, um sich nur mit ihrer Kunst zu beschäftigen. Doch zu ihrer Überraschung tauchten die gleichen Probleme auf, die sie auch an ihrem Schreibtisch hat. "Ich bin auch als Künstlerin genauso leicht abzulenken", erkannte sie. "Wo du auch hingehst, du nimmst dich immer mit."

Drastische Veränderungen haben auch Schattenseiten


Nur gut überlegte Veränderungen, die aus fest verankerten Wertvorstellungen oder Zielen hervorgehen, halten in der Regel an, sagt deshalb Harriet Braiker, Psychologin und Autorin der Abhandlung "Das Syndrom des 11. September". Zudem haben drastische Veränderungen, auch wenn sie erfolgreich sind, ihre Schattenseiten.

Alle Probleme, die sich Lorna Paine vor ihrem Umzug ausgemalt hatte, sind auch tatsächlich eingetreten: Ihr neues Haus auf Long Island hat tausend Mucken, und das Packen, Möbelschleppen ließen alte Wunden aus der Zeit von Lornas Scheidung aufbrechen. Die Krise bewältigte sie mit Hilfe ihres Mannes, ihrer Familie und alter Freunde, die sie herzlich in Empfang genommen haben. "Vielleicht habe ich Fehler gemacht", sagt sie. "Aber jetzt sind wir voller Leben und glücklich und begeistert. Das Ziel ist es doch, sein Leben ohne Bedauern zu leben."

Sinn des Lebens gefunden


Auch für Thomas waren die Veränderungen kein Zuckerschlecken. Er empfand es als niederdrückend, mit 32 Jahren noch mal als Klassenältester die Schulbank zu drücken. Regelmäßig musste er unangenehme Aufgaben übernehmen, wie den Rettungswagen sauber zu machen. Zudem hielten ihn bei der Ausbildung Schulden aus alten Tagen auf. Um die Kredite zurückzuzahlen, zog er wieder zu seinen Eltern. Doch der Mut hat sich gelohnt. Thomas hat nun eine Arbeit gefunden, die er liebt: Er will hauptberuflich medizinisch-technischer Assistent werden. Da in diesem Bereich Mitarbeiter fehlen, denkt er wieder optimistischer über seine Zukunft nach. "Erinnerst du dich noch daran, wie du immer vom Sinn des Lebens gesprochen hast?", habe ihn kürzlich ein Freund erinnert. "Jetzt hast du ihn gefunden."

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