Manche Experten glauben, dass 2002 ein gutes Jahr für Hochzinsanleihen wird
Schwellenländer bleiben spannend

Ein Hauch von Anarchie war beim Anblick der Plünderungen in argentinischen Supermärkten, die weltweit im Fernsehen gezeigt wurden, zu spüren.

DÜSSELDORF. Und obwohl die Regierung jetzt einigermaßen fest im Sattel zu sitzen scheint, bleibt die Lage schwer durchschaubar: Die Währung ist gesplittet, das Bankensystem wird in den Bankrott getrieben und mit Hilfe einer Sondersteuer zugleich wieder gerettet.

Nach Darstellung von Thomas Pergande, der den Investmentfonds Nordrent Spezial von Nordinvest managt, hat sich die Krise in Argentinien schon über einen langen Zeitraum hin abgezeichnet. Viele Fonds, auch sein eigener, und andere Großinvestoren seien daher schon Monate vor der Zuspitzung der Lage ausgestiegen.

Viele Privatanleger haben jedoch zu spät gemerkt, wie dramatisch sich die Lage verschlechtert hat. Dabei hätten sie spätestens im Sommer aussteigen müssen, als die Ratingagenturen Standard & Poor?s und Moody?s begannen, die Kreditwürdigkeit des Landes herunterzustufen. Argentinien galt immer als risikoreich: Das Land hatte niemals ein Rating innerhalb der Investitionsklasse. Die Ratings waren jedoch recht stabil. "Deshalb empfanden viele Investoren die Anleihen als vergleichsweise sicher", sagt Elke Speidel-Walz, Anlagestrategin für Privatkunden bei der Deutschen Bank.

Ist damit der gesamte Markt für hochverzinsliche Papiere aus Schwellenländern ins Abseits gerutscht? John Cleary, Manager des Invesco GT Global High Income Fund, ist optimistisch für diese Anlagen. Die Spreads, also die Risikoaufschläge, seien immer noch überdurchschnittlich hoch, daher erwartet er ein Abschmelzen und entsprechende Kursgewinne der hochverzinslichen Papiere. Er sieht insgesamt einen positiven Trend: Der Einfluss der sehr spekulativen Hedgefonds sei gesunken und damit auch das Niveau der Kursschwankungen.

Auch Pergande glaubt, dass 2002 ein gutes Jahr für Hochzinsanleihen wird. Er befürchtet kein Übergreifen der Krise auf andere südamerikanische Länder. "Brasilien hatte die Krise schon vor zwei bis drei Jahren", sagt er. Damals sei die Währung, der Real, abgewertet worden, was das Wachstum beschleunigt habe.

Es gibt aber auch pessimistischere Stimmen. Nach Einschätzung von Matthias Krieger, Rentenanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, steht Brasilien durchaus in der Gefahr, angesteckt zu werden. Auch Speidel-Walz ist skeptisch. Sorgen macht ihr vor allem die hohe Inlandsverschuldung Brasiliens. Auch politisch sei die Lage wegen der im Herbst anstehenden Wahlen unsicher.

Doch welche Länder bieten mehr Sicherheit? In Lateinamerika vor allem Mexiko, meint Pergande. Das Land profitiere besonders von der gemeinsamen Freihandelszone mit Nordamerika. Auch Speidel-Walz findet, dass Mexiko weit bessere Fundamentaldaten aufweist als Brasilien. Die Schuldenlast sei nur moderat. Moody?s sieht das Land mit der Einstufung Baa3 noch als "Investitionsklasse", Standard & Poor?s ist mit BB+ kritischer.

Als gesamte Region hält Pergande Osteuropa zurzeit für interessanter. Rund 34 Prozent seines Fondsvermögens hat er dort investiert, nur 27 Prozent in Südamerika. Vor allem Anleihen in ungarischen Forint oder - risikoreicher - polnischen Zloty findet er spannend. Er traut sich auch an problematischere Länder heran, wenn sie über Bodenschätze verfügen. "Die Russen können ihre Rechnungen mit Rohstoffen begleichen", betont er, als weiteres Beispiel nennt er Kasachstan.

Auch Cleary setzt auf Europa und erwähnt dabei neben Polen und Ungarn auch Russland und die Ukraine. Die Einführung des Eurobargelds ziehe Aufmerksamkeit auf Euro-Papiere, glaubt er. Speidel-Walz rät Privatanlegern in diesem Zusammenhang, sie sollten nur auf Euro-Papiere setzen, die es ja auch von osteuropäischen Staaten gibt. Währungen wie Zloty und Forint seien zu gefährlich.

Fazit: Trotz Argentinienkrise bleibt der Markt der hochverzinslichen Anleihen interessant. Anleger sollten allerdings das Risiko beachten.

Allein auf die Ratings der großen Agenturen dürften sich Investoren dabei aber nicht verlassen, warnt Speidel-Walz. Sie sollten sich auch selbst die Fundamentaldaten anschauen, zum Beispiel die Neuverschuldung: Positiv sei ein Fiskaldefizit von unter drei Prozent. Krieger von der LBBW rät Anlegern, die Ratings der Agenturen zu vergleichen. Ein Beispiel: Das einzige Land unter den so genannten Emerging Markets, das beide Agenturen als "Investitionsklasse" einstufen, ist Südafrika. Es gibt aber noch weitere Informationsquellen. So bietet zum Beispiel der Internationale Währungsfonds unter im Internet Studien an.

Eins sollten Anleger aus dem Argentinien-Debakel gelernt haben. "Halten bis zur Endfälligkeit" sei nicht mehr angesagt, meint Speidel-Walz. Wenn sich die Lage verschlechtert, sollten Anleger verkaufen, auch wenn sie dabei Verluste machten. Außerdem sind die Anleihen nur zur spekulativen Depotbeimischung geeignet. Für viele Privatleute dürfte der Einstieg über einen Fonds deshalb der richtige Weg sein.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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