Manche Firmen reagieren auf Verkaufsurteile mit dem Entzug von Aufträgen
Unternehmen machen kritischen Analysten das Leben schwer

Seit zwei Jahren sinken die Börsen. Am Montag gaben die Aktienmärkte erneut kräftig nach. Da müssten doch kritische Analysten, die Investoren vor Risiken warnen, hoch im Kurs stehen. Weit gefehlt.

WSJ/tmo NEW YORK/FRANKFURT/M. Zwar sind viele Privatanleger verbittert, weil kaum ein Bankanalyst den Kurseinbruch vorhersagte. Doch die Regeln des Geschäfts haben sich dadurch nicht geändert. Und die erste Regel laute: Wer mit kritischen Urteilen Firmenkunden und Fondsmanager verprellt, bekommt Ärger. Und er riskiert zuweilen seinen Job. Beispiel Enron: Analyst Daniel Scotto, damals für BNP Paribas tätig, stufte sein Urteil über den US-Energiekonzern Monate vor der Milliardenpleite herab. Der Titel seiner Studie war klar: "Enron - all stressed up and no place to go" (Enron - angespannte Lage und kein Ausweg). Sechs Tage später wird Scotto in Zwangsurlaub geschickt und dann gekündigt. Er selbst führt den Rauswurf auf die Studie zurück.

Firmen fühlen sich oft angegriffen durch negative Anlageurteile. Und sie haben schwere Waffen, um zurückzuschlagen. So ließ Enron kaum kritische Fragen bei Analystenkonferenzen zu, erzählt Scotto. "Man durfte keine harten Fragen stellen, das wurde als provozierend aufgefasst", sagt er. Analysten brauchen für ihre Arbeit Informationen. Daher scheuen sie meist Konflikte mit dem Management. Das gilt um so mehr, als die Manager - wie bei Enron - oft millionenschwere Bankaufträge für Aktien- und andere Wertpapieremissionen sowie Kredite zu vergeben haben. Der US-Senat geht gerade Gerüchten nach, wonach Enron-Manager das Wohlverhalten der Banken mit Aufträgen verknüpften.

Ähnliche Vorwürfe stehen bei der geplanten Fusion der US-Computerhersteller Hewlett-Packard (HP) und Compaq im Raum: Das HP-Management soll dem HP-Großaktionär Deutsche Asset Management angedeutet haben, die Zustimmung zur Fusion könne Einfluss auf künftige Geschäftskontakte zur Deutschen Bank haben. Das behauptet der Gründernachfahre Walter Hewlett. Vielleicht erklärt dies, warum die meisten Analysten sich zu der Fusion gedämpft bis vorsichtig optimistisch äußern. Die Börse strafte die HP-Aktie indes brutal ab.

Die Banker stecken nicht nur in den USA im Zwiespalt. So wies Analyst Ben Lynch von der Deutschen Bank früh auf die angespannte Finanzlage bei Infineon hin. Der Halbleiterkonzern war erbost, heißt es aus Kreisen der beiden Geschäftspartner. Als Infineon kürzlich eine milliardenschwere Wandelanleihe platzierte, saß die Deutsche Bank nicht im Konsortium. Dabei hatte sie hart um den Auftrag gekämpft und den Börsengang federführend mitbegleitet. "Aber man hat sich geeinigt und beim nächsten Mal ist die Deutsche wohl wieder dabei", verlautet aus den Kreisen.

Sehr selten waren lange Zeit Verkaufsurteile in der Telekombranche. "Da stehen große Transaktionen an. Das Geschäft will sich keiner kaputt machen", sagt ein Frankfurter Analyst. Eine Ausnahme bildete die BHF-Bank, die schon früh ein Verkaufsurteil zur Aktie der Deutschen Telekom abgab. Prompt saß das Institut bei der dritten Emission von T-Aktien nicht im Konsortium. "Das war eine gezielte Reaktion der Telekom", erzählt ein Banker. In allen aufgeführten Fällen bestreiten die Konzerne allerdings, sie hätten auf Analysten Druck ausgeübt.

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