Manche Muskeln hat man völlig vergessen
Gewagter Ausfallschritt

Wenn der Muskelkater nach dem Sport plagt, dann hilft Stretching nur bedingt wieder auf die Beine.

Vierzehn Tage Pulverschneeglück in den französischen Alpen. Bis es losgeht, hat Michael Gassmann noch acht hektische Wochen vor sich. Zur Jahresend-Rallye läuft, wie bei vielen, sein Terminkalender heiß. Trotzdem hat sich der 43-jährige Betriebswirt in einem Münchener Sportverein zur Skigymnastik angemeldet. Schließlich will er fit sein im Urlaub. Gleich beim ersten Mal legt er sich mächtig ins Zeug, springt, stemmt und schnauft, will jetzt nachholen, was er in puncto Fitness übers Jahr versäumt hat.

Die Quittung kommt am nächsten Tag: "Ich fühlte mich wie ein alter Mann. Alles tat mir weh, und ich machte Bekanntschaft mit Muskeln, deren Existenz ich vergessen oder noch nie kennen gelernt hatte." Die harmlose Diagnose des postgymnastischen Katzenjammers: Muskelkater.

Im Büro sorgen Michael Gassmanns schwerfällige Bewegungen für Heiterkeit. "Na, zu viel Milchsäure abgekriegt? Sauer macht lustig", amüsiert sich der Kollege. Und sitzt dabei einem verbreiteten Vorurteil auf, dass Milchsäure als Stoffwechsel-Abfallprodukt Muskelkater auslöse. "Das ist reine Phantasie", sagt Dieter Böning vom Institut für Sportmedizin der Freien Universität Berlin. "Keine einzige Studie konnte das je beweisen."

Richtig ist: Bei Stoffwechselprozessen kann Milchsäure anfallen. Und zwar immer dann, wenn der Körper aus Energiemangel auf seine Glucose-Reserven zurückgreifen muss. 400-Meter-Läufer müssten demnach am meisten Muskelkater haben. Denn bei schnellen, energieintensiven Bewegungen von kurzer Dauer wird am meisten Milchsäure gebildet. Untersuchungen zeigen aber etwas ganz anderes: Am häufigsten macht sich Muskelkater beim Abbremsen von Bewegungen bemerkbar, etwa beim Bergabgehen.

Selbst trainierte Bergsteiger machen immer wieder einmal die Erfahrung, dass nach dem Gipfelglück das Schienbein schmerzt. Milchsäure? Bildet sich dabei kaum. Stattdessen sind die Muskeln großer Kraftbelastung ausgesetzt. Das ist übrigens auch bei Abstopp-Sportarten wie Fußball, Tennis oder Badminton der Fall.

Inzwischen können Forscher das Phänomen genauer erklären. Mittels Elektronenmikroskop gewinnen sie ein genaues Bild, was im Muskel bei sportlicher Überlastung passiert. Die ungewohnte Kraftmeierei hinterlässt viele kleine Risse in den Muskelfasern. Das Ergebnis erinnert in der bildlichen Darstellung an einen Querlattenzaun, über den ein Orkan hinweggefegt ist. Kaum zu glauben, dass dieses Chaos nach spätestens sieben Tagen ohne bleibende Schäden wieder beseitigt ist.

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