Mancher Händler kann der Euro-Versuchung nicht widerstehen: Analyse: Das neue Bargeld als Preistreiber

Mancher Händler kann der Euro-Versuchung nicht widerstehen
Analyse: Das neue Bargeld als Preistreiber

Deutschlands Volkswirte und Verbraucher sind - in seltener Einmütigkeit - elektrisiert. Alle bewegt die Frage: Hat die Einführung des Euro-Bargelds Anfang Januar einen Inflationsschub provoziert?

Deutschlands Volkswirte und Verbraucher sind - in seltener Einmütigkeit - elektrisiert. Alle bewegt die Frage: Hat die Einführung des Euro-Bargelds Anfang Januar einen Inflationsschub provoziert? Wir erinnern uns an die feierliche Selbstverpflichtung des Einzelhandels, von Preiserhöhungen im Rahmen des Euro-Starts selbstverständlich abzusehen, und glauben nun, in Supermärkten und Restaurants festzustellen, dass das Versprechen offenbar nicht eingehalten wird: Pizza und Körnerbrötchen, Schulsnack und Milchkaffee scheinen heute deutlich mehr zu kosten als noch im Dezember, als wir noch mit D-Mark bezahlten - das waren noch Zeiten, erinnern Sie sich?!

Die Frage muss daher gestellt werden: Treibt der Euro die Preise? Die Antwort fällt selbst den Experten, deren Rechner gestern auf Hochtouren liefen, nicht leicht. Das liegt auch daran, dass am 1. Januar einige Steuersätze angehoben wurden und dass der Wintereinbruch in Südeuropa die Gemüsepreise unerwartet stark in die Höhe getrieben hat. Quellensteuer und Brokkoli sind aber nicht die einzigen Verursacher des zweifellos vorhandenen Preisdrucks. Nicht nur die Volkswirte der Commerzbank sind sicher: Auch das neue Bargeld hat, in etwa ähnlichem Umfang, die Preise steigen lassen. Die jährliche Inflationsrate, die im Dezember noch bei 1,7 Prozent lag, kann aus diesen Gründen im Januar auf 2,5 bis 3,0 Prozent hochschnellen. Genaueres werden wir in ein paar Tagen wissen, wenn die ersten Statistiken kommen.

Die Preise steigen also in der Tat kräftig, und die Euro-Umstellung macht es vielen Geschäftsleuten offenbar besonders einfach, etwas kräftiger zuzulangen. Das ist aber noch kein Grund, die Alarmglocke zu läuten: Denn erstens kommen die Preistreiber in einem konjunkturell schwachen Umfeld nicht weit, so dass der scharfe Wettbewerb bald für die nötigen Korrekturen sorgen wird. Über den Einmaleffekt dürfte die euro-provozierte Teuerung kaum hinausgehen. Daher - zweitens - wird sich die Preissteigerung bald normalisieren und im zweiten Halbjahr wieder unter die Zwei-Prozent-Schwelle fallen, die die Europäische Zentralbank (EZB) als oberste Währungshüterin anpeilt.

Deshalb muss die EZB - drittens - ihre Zinspolitik auf Grund dieses Preisschubs nicht ändern. Eine weitere Zinssenkung war derzeit ohnehin nicht geplant. Das haben führende EZB-Vertreter in diesen Tagen mehrfach betont. Das Zinsniveau in Euro-Land ist in der Tat zurzeit so niedrig wie selten zuvor und stellt kein Investitionshindernis für die Wirtschaft dar.

Es besteht also kein Grund zur Aufregung, wenn jetzt ein paar Wirte und Metzger versuchen, den Kunden für dumm zu verkaufen, indem sie ihm etwas tiefer in die Tasche greifen. Auf Dauer wird der Euro die Preise ohnehin spürbar senken, und zwar in allen Euro-Ländern, die oft keine mit Deutschland vergleichbare Tradition der Geldwertstabilität haben.

Preisdämpfend wird zum Beispiel die europaweite Preistransparenz wirken. Oder der Wettbewerb insgesamt: Sobald wir uns an Münzen und Scheine gewöhnt haben, sobald wir nicht mehr im Geiste in D-Mark umrechnen, sondern den Euro als Währung verinnerlicht haben, wird es kein seriöser Geschäftsmann mehr wagen, wegen ein paar Prozent die Kundschaft nachhaltig zu vergraulen.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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