Manches IT-Unternehmen nutzt die Krise
Münchens High-Tech-Höhenflug ist vorbei

Es geht abwärts an der Isar: Seit dem Ende des High-Tech-Booms haben Tausende IT-Experten in München ihre Stelle verloren. Ihren Optimismus haben die Bayern dennoch nicht verloren.

HB MÜNCHEN. Die Münchener sind schockiert. Zum ersten Mal seit Jahren stehen Tausende hoch qualifizierter Arbeitnehmer in der bayerischen Landeshauptstadt auf der Straße. Die Lage ist für Münchener Verhältnisse dramatisch: Im Vergleich zum Vorjahr gab es im August mit einer Quote von über 5 % ein Drittel mehr Arbeitslose - darunter viele Beschäftigte der lange verwöhnten IT-Branche.

"Wir hatten in den letzten zwölf Monaten mehr als 3000 Bewerbungen", stöhnt Robert Hoog, Chef des am Neuen Markt notierten Münchener Softwarehauses Ixos AG. "Der Markt hat sich grundlegend gewandelt. Viele, die uns vor zwei Jahren verlassen haben, würden gern zurück kommen." Der "Krieg um die Talente" sei vorüber, bekräftigt Andreas Obereder, Chef der Softwarefirma Atoss AG. "Nun können wir uns wieder mit Leuten zu vernünftigen Konditionen verstärken."

Die Chancen für IT-Experten, einen neuen Job zu bekommen, sind in München in diesen Tagen allerdings alles andere als rosig. Firmengründer haben ihre hoffnungsvoll gestarteten Internet-Startups in den vergangenen Monaten massenhaft geschlossen. Auch größere Softwarehäuser wie die Nemetschek AG treten auf die Bremse und entlassen ihre Beschäftigten in Scharen.

Siemens schlägt am kräftigsten zu: Der wichtigste Industrie-Konzern der Stadt streicht mehrere tausend Stellen in den Bereichen Kommunikation und IT-Dienstleistungs. Vor zwei Jahren hatte das Traditionsunternehmen noch jeden Kollegen belohnt, der einen neuen Mitarbeiter angeworben hat. "Was da läuft ist Wahnsinn", ärgert sich Siemens-Betriebsrat Heribert Fieber heute über die Einschnitte. Einen Stellenababbau dieser Größenordnung gab es noch nie bei Siemens in München. Fieber fürchtet: "Die meisten unserer Leute wissen nicht einmal, wie man sich anderswo bewirbt."

Kaum anders ergeht es Mitarbeitern des US-Computerbauers Compaq. Derzeit kämpft der Betriebsrat darum, die mehr als 1000 Arbeitsplätze in der früheren Deutschland-Zentrale am Münchener Stadtrand zu erhalten, nachdem der Konzern von HP geschluckt wurde.

"Als wichtigster deutscher IT-Standort sind wir von der Krise auch am meisten betroffen", zieht Atoss-Vorstandschef Obereder eine traurige Bilanz der High-Tech-Krise für München. Und Ixos-Vorstandschef Hoog: "Es ging hier am stärksten hoch, jetzt fallen wir deshalb auch am heftigsten." In der Tat: In guten Zeiten Ende der 90er Jahre kam jedes dritte Unternehmen an der Wachstumsbörse Neuer Markt aus der Region München. Angelockt von den offenen Geldbeuteln der Risikokapitalgeber war die Stadt ein beliebter Spielplatz für Internet-Unternehmer. Damit ist seit langem Schluss.

Atoss-Chef Obereder bleibt dennoch demonstrativ zuversichtlich. Eine Abwanderung aus München sei nicht zu erwarten, meint der IT-Experte, dessen Unternehmen sich auf Service und Software für den Personaleinsatz in Firmen spezialisiert hat. Die Anziehungskraft der Isar-Metropole sei nach wie vor ungebrochen. Neben Siemens mit seinen früheren Töchtern Infineon und Epcos profitiert die Millionenstadt von Deutschland-Niederlassungen großer amerikanischer IT-Firmen. High-Tech-Riesen wie Microsoft, Oracle, Motorola oder Intel beschäftigen in der Stadt mehrere Tausend Mitarbeiter. Und IBM investiert derzeit Millionen in einen neuen Verwaltungsbau in der Nähe der Messe.

Viele Neue-Markt-Firmen der Region haben die Krise zudem genutzt, um sich neu aufzustellen - mit ersten Erfolgen: "In den letzten Monaten haben wir wieder 30 Leute eingestellt", betont Ixos-Chef Hoog stolz. Man sei früher auf die Kostenbremse getreten als andere. Der Software-Spezialist für Dokumenten-Management war als eine der ersten Firmen des Neuen Marktes in die Krise geraten - und meisterte als eines der ersten Unternehmen die Sanierung. Heute kann Ixos ein solides Wachstum und gesunde Gewinne vorweisen.

Auch Atoss-Chef Obereder ist zuversichtlich. "Wir erwarten in absehbarer Zeit kein besseres Marktumfeld. Aber wir haben uns darauf eingestellt und können trotzdem profitabel sein." Die Münchner FJA AG, ein Hersteller von Finanzsoftware, gilt Analysten sogar als eines der besten Unternehmen der Softwarebranche mit Kurspotenzial.

Am meisten leidet die Münchener Messe unter der High-Tech-Krise. Deren IT-Schau "Systems" droht im Oktober ein Flop. Nur die Hälfte der Hallen wird gefüllt. In diesem Punkt zumindest ist München dem ansonsten nur belächelten Hannover mit der "Cebit" hoffnungslos unterlegen.

Quelle: Handelsblatt

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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