Manchmal reichen auch Kneipenbänke aus
Körperloses Spiel

Mann und Fußball - das ist eine Symbiose, die das richtige Möbel braucht. Sein Stammplatz ist meistens der bequemste Sessel, den das Haus zu bieten hat.

Wenn Henning Scherf zu Werder geht, weiß er, was er "seinem" Verein schuldig ist: Standhaftigkeit. Dann nutzt der Regierende von Bremen seinen Platzvorteil nicht etwa in den gepolsterten Sitzen von VIP-Lounges und Ehrentribüne, sondern in der Werderkurve, wo der kleine Mann zu ganz großer Form aufläuft. Nirgendwo sonst steht, jawohl: steht der Fan so mittendrin im richtigen, im brüllenden Leben.

Wo Henning Scherf seiner Fußballleidenschaft frönt, wenn Werder nicht zum Heimspiel antritt, hat er neulich in der "Sportschau" nicht verraten. Aber vermutlich wird es auch bei Scherfs so ähnlich zugehen wie überall im bürgerlichen Leben zwischen Rostock und München. Samstag pünktlich achtzehnzehn verabschiedet der deutsche Mann sich von Frau und Kind und allen häuslichen Pflichten, um, ausgerüstet mit Fernbedienung und Bier, möglichst allein und ungestört im Wohnzimmer Kicken zu gucken.

Sein Stammplatz: der bequemste Sessel, den das Haus zu bieten hat. Denn seit es Fernsehen gibt - und das ging in Deutschland los im Jahr des Wunders von Bern -, wird Breitensport überwiegend im Sitzen betrieben. Ohne schweißtreibende Schinderei, aber mit nimmermüder emotionaler Leistungsbereitschaft. So, wie sogar der Sportsmann Manni Breuckmann Fußball am liebsten hat: "Ich bevorzuge das körperloses Spiel."

Manche behaupten zwar, mit dem Einzug des Fernsehens habe es in deutschen Stuben eine regelrechte Wohnrevolution gegeben. In Wirklichkeit musste die heimische Platzordnung aber gar nicht umgeschrieben werden, nur weil nun jeder in der ersten Reihe sitzen kann. Mann, der geborene Leistungsträger, sitzt schließlich schon seit der bürgerlichen Revolution anders als der Rest der Familie. Der Ohrensessel - Bürgers Thron - wurde längst vor der Erfindung des Fußballspiels eigens für ihn erfunden und war, von Mutters Nähtischchen mal abgesehen, das einzige geschlechts- und rollenspezifische Möbel in der Wohnstube.

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