Mangel an Ausbildungsplätzen
Wir bilden falsch aus!

„Alle Jahre die gleichen Rituale: Pünktlich zum Schuljahresende gibt es Ausbildungsgipfel und -garantien und die Drohung einer staatlichen Abgabe.“

Alle verdrängten Probleme holen uns ein. Während wir - zum wievielten Mal eigentlich - die Reform der sozialen Sicherungssysteme erörtern, holt uns wie alljährlich zum Ende des Schuljahres das Problem der fehlenden Ausbildungsplätze ein. Alle Jahre dann die gleichen Rituale, Ausbildungsgipfel und-garantien, Forderungen nach Bündnissen, Werbekampagnen der Politiker und Drohungen an die, die bisher die Hauptlast der Ausbildung tragen: Wer nicht ausbildet, wird mit einer staatlichen Abgabe bedroht.

Im Grunde wissen wir, wo die verdrängten Probleme liegen. Ausbilder ist der Mittelstand, und dort vor allem das Handwerk. Und diesen Betrieben geht es schlecht, ihre Auftragslage ist katastrophal. Allein in der Baubranche sind in den letzten zwei Jahren über 18 000 Betriebe verschwunden. Auch die Konzentration im Handel schreitet fort. Der Handel braucht nicht nur immer weniger Beschäftigte, sondern auch immer weniger Nachwuchs. Die Banken mit ihren Betreuungssystemen im Internet brauchen immer weniger Personal, und da sie Filialen schließen, stellen sie auch keine Banklehrlinge ein.

Und da sind die Kosten für die Ausbildung. In Zeiten, als Lehrlinge rar waren, der handwerkliche Mittelstand gut verdient hat und die Produktionsbetriebe große Lehrlingswerkstätten unterhielten, musste man auf die Lehrlingsvergütungen und die mit der Ausbildung verbundenen Kosten nicht so sehr achten. Heute geht es dem Handwerker um jeden Euro, und er spart am Ende auch noch die zwei oder drei Ausbildungsplätze ein. Das passt auch zu seiner gegenwärtigen Endzeitstimmung.

Bei dieser Stimmung rächt sich im Übrigen auch, dass die steuerliche Entlastung des Mittelstandes wegen der Flutkatastrophe um ein Jahr verschoben wurde, obwohl sich jetzt herausstellt, dass so hohe Beträge gar nicht gebraucht wurden. Wäre es da nicht besser, all jenen, die einen Lehrling einstellen, einen Pauschalbetrag zur steuerlichen Entlastung anzubieten, statt ihnen am Ende gar noch mit Zwangsabgaben zu drohen? Das würde wenigstens die Stimmung verbessern.

Ein weiteres, uns bekanntes Problem ist, dass die Erwartungen der Ausbilder hinsichtlich der schulischen Kenntnisse der Lehrlinge in weiten Bereichen enttäuscht werden. Gerade der kleine Mittelständler erwartet, dass sein Lehrling in der Schule viel von den neuen Technologien, dem Computer und der Software gelernt hat.

Stattdessen zeigt uns nicht nur Pisa, sondern auch die Praxis, dass die Grundkenntnisse der Hauptschulabsolventen über Jahre hinweg gesunken sind. In vielen Berufsschulen und Lehrlingswerkstätten muss Grundwissen nachgelernt werden.

Wir müssen die Diskussion über die Frage eröffnen, ob unser Bildungskonzept für die berufliche Qualifizierung noch stimmt. Bei Befragungen von Ausbildern und Lehrern durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln plädierten 88 Prozent der Ausbilder und rund 80 Prozent der Lehrer für eine bessere Zusammenarbeit der Schulen mit den Unternehmen, damit der Unterricht praxisnäher wird.

Und wenn wir sehen, wie schnell durch neue Innovationen und den technischen Fortschritt die Facharbeitskräfte im Umgang mit Robotern, automatisierten Prozessen und Softwarelösungen völlig anderen Qualifizierungsansprüchen unterliegen, als sie die Standards der meisten Berufsbilder im dualen System vorsehen, dann wird sichtbar, dass wir viel mehr Austausch zwischen Theorie und Praxis - auch beim Personal - brauchen.

Schließlich müssen wir fragen, ob nicht auch am künftigen Bedarf vorbei ausgebildet wird. Die Autos von morgen werden nicht mehr wie gestern repariert, sondern in neuen Formen mit sehr viel geringerem Personalaufwand betreut. Die Kapazität am Bau wird in Deutschland gewaltig heruntergefahren, und der braucht deshalb auch weniger Nachwuchs. Das gilt in anderer Form für die Entwicklung im Handel und bei den Finanzdienstleistungen.

Andererseits werden wir, wenn wir unsere Zukunft als Hochtechnologiestandort sehen, unsere naturwissenschaftlichen Ausbildungsstätten in allen Stufen - einschließlich der Weiterbildung - gewaltig ausbauen müssen. Durch eine neue Technologiebegeisterung müssen wir dafür sorgen, dass junge Leute weniger im dualen System und vielmehr in dem bereits existierenden System von Berufsakademien und Fachhochschulen eine neue, höhere Grundqualifikation erlangen. Es geht darum, das duale System auf den tertiären Bereich unseres Bildungswesens zu übertragen!

Es zeigt sich immer deutlicher, dass die Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Wirtschaft immer mehr von neuen, jungen Unternehmen, die sich wachsende Chancen in den heimischen oder internationalen Märkten ausrechnen, bereitgestellt werden müssen. Gerade hier lässt der Schwung der letzten Jahre bedrohlich nach, denn unser Risikokapitalmarkt ist gegenwärtig so gut wie zusammengebrochen.

Wenn die Politik keine wirklichen Schritte zur Sicherung der Versorgung der jungen Unternehmen mit Risikokapital unternimmt - was ich dazu bis jetzt gehört und gelesen habe, sind Lappalien -, wird sich auch die unternehmerische Stimmung in Deutschland nicht ändern. Die Banken und Finanzinstitute, die durch nicht ausreichend kontrollierte Risiken der Altindustrien und der internationalen Investitionen hohe Abschreibungen vornehmen mussten und viel Geld verloren haben, übertreiben es nun mit der Risikoaversion. Deshalb bekommen neben den erfolglosen Unternehmen, die zweifelsohne wieder vom Markt verschwinden müssen, auch junge Unternehmen mit erfolgreichen Produkten und Verfahren keine Überbrückungsfinanzierungen für den erfolgreichen Markteinstieg mehr. Damit wird aber gewaltiges innovatives Potenzial vernichtet.

Nun wird wieder überbrückt statt saniert. Die Bundesregierung wird, wie schon in den Jahren zuvor, eine Milliarde Euro in das Jugendsofortprogramm JUMP stecken. 2002 waren es 140 000 Jugendliche, die so aus der Statistik rausgefallen sind. Eine Untersuchung zeigt, dass gerade einmal ein Drittel der JUMP-Absolventen sechs Monate später einen Job oder eine Lehrstelle bekommen haben. Hier wird in weiten Bereichen am Markt vorbei in die Arbeitslosigkeit qualifiziert.

Im Grunde gibt es nur zwei Wege, um nachhaltig aus dieser Misere herauszukommen: Alle Beteiligten schaffen für den Mittelstand durch Steuererleichterungen, Bürokratieabbau und hohe Flexibilität eine Situation, bei der die alten und neuen Mittelständler eine neue Chance wittern. Die Gewerkschaften helfen zusätzlich mit, dass bei den Ausbildungsvergütungen kurzfristig Abschläge möglich sind, damit die jungen Leute - vielleicht auch zu gegenwärtig schlechteren Bedingungen als früher - eine Ausbildung erhalten, statt in staatlich organisierten Gemeinschaftseinrichtungen mehr oder weniger in eine Art Warteschleife für die Zukunft eingereiht zu werden.

Darüber hinaus muss die öffentliche Hand jetzt durch ein zügiges Privatisierungskonzept vor allem im kommunalen Bereich die Voraussetzungen schaffen, dass Neuinvestitionen für die Infrastruktur vor allem im Bildungs- und Wissenschaftsbereich folgen. Dann werden auch neue Unternehmen entstehen, die Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen. Das kurbelt das Wirtschaftswachstum an, das den Unternehmen und dem Staat wieder Investitionsspielräume ermöglicht. Dann wird auch Stück für Stück die Arbeitslosigkeit sinken und der unternehmerische Mut wachsen.

Die Alternative wäre der Versuch, mit noch mehr staatlichem Druck Ausbildungsplätze zu erzwingen. Das würde aber die Stimmung weiter verschlechtern und im Ergebnis zu einer Verweigerungshaltung führen. So entstehen keine Ausbildungsplätze, sondern so entstehen mehr Arbeitslose, vor allem jugendliche Arbeitslose.

Und für die wohlklingenden Namen wie JUMP wird die Frage gestellt, wohin denn die jungen Leute jumpen sollen. Am Ende werden nicht die unternehmerisch Begabten Unternehmer werden, sondern die Arbeitslosen werden zur Ich-AG mutieren, und mit Deutschland geht es weiter bergab.

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