Mangel an Risikokapital zwingt zu harten Einschnitten
Biotechbranche steht vor Ausleseprozess

Strukturschwächen und knappe Finanzen zwingen die deutsche Biotechbranche zu einer drastischen Bereinigung. Branchenexperten rechnen mit verstärktem Personalabbau, Übernahmen und weiteren Insolvenzen. Für den gesunden Kern der Branche sehen sie indes weiterhin Potenzial.

FRANKFURT/M. Der deutschen Biotechindustrie steht ein weiteres hartes Jahr mit intensiven Sparmaßnahmen, Personalabbau und Insolvenzen bevor. Darauf deuten Daten der Wirtschaftsprüfungs-Gruppe Ernst & Young sowie die Äußerungen namhafter Vertreter aus dem Biotechsektor hin.

Auslöser ist eine Kombination aus Geldmangel und strukturellen Schwächen. Die Konsolidierung in der Branche, die im vergangenen Jahr zögerlich eingesetzt hat, wird sich daher eher noch beschleunigen, erwarten die Biotech-Experten Julia Schüler und Siegfried Bialojan von Ernst & Young. Sie rechnen mit einer deutlichen Zunahme an Insolvenzen und Geschäftsauflösungen. Der jüngste Biotech-Report von E&Y, der gestern in Berlin präsentiert wurde, erhebt gar die Frage, ob die Hälfte der 360 Biotechfirmen in Deutschland wieder verschwinden werde. Die Branche durchlaufe eine Bewährungsprobe, die erfolgreiche von nicht erfolgreichen Firmen trennen werde.

Eine derartige Bereinigung wird vor allem von Kapitalgebern und externen Fachleute seit langem erwartet und auch gefordert. Sie werde letztlich die Struktur der Branche verbessern, argumentiert etwa Ulrich Kinzel von WestLB Panmure. "Der Sektor wird Bestand haben." Nach Jahren der Expansion ist bereits im vergangenen Jahr die Zahl der Biotechfirmen in Deutschland, wie auch die Zahl der Mitarbeiter erstmals leicht gesunken. Unter dem Eindruck schrumpfender Cash-Reserven mussten zahlreiche Unternehmen bereits Sparmaßnahmen einleiten.

Diese Entwicklung ist zwar Teil eines globalen Trends, der nach Daten von E&Y auch europaweit zu sinkenden Umsätzen und einer rückläufigen Beschäftigung in der Biotechbranche geführt hat. Allerdings sind die Probleme für die junge deutsche Biotech-Szene aus mehreren Gründen besonders gravierend: Zum einen ist die Branche in den vergangenen Jahren sehr schnell herangewachsen - mit der Folge, dass sehr viele kleine Firmen aus dem akademischen Umfeld heraus entstanden. Vielen von ihnen fehlt nun die nötige Masse und die richtige Ausrichtung für das veränderten Umfeld. Mehr als drei Viertel aller Unternehmen beschäftigen weniger als 30 Mitarbeiter.

Zudem befinden sie sich ganz überwiegend in einer frühen Phase der Produktentwicklung, und damit relativ weit entfernt von eigenen Erträgen. Die Zahl der Pharmaprodukte in fortgeschrittener klinischer Entwicklung ist nach wie vor relativ gering, etwa im Vergleich zur britischen oder skandinavischen Biotechindustrie. Zum anderen sind die Finanzströme in Deutschland besonders drastisch zusammengeschmolzen. Denn nicht nur der Zugang zur Börse ist für deutsche Biotechfirmen derzeit völlig verschlossen. Anders als in den USA oder im europäischen Ausland hat sich auch der Zufluss an privatem Risiko-Kapital stark vermindert, von mehr als 500 Mill. Euro in den Vorjahren auf nur noch gut 200 Mill. Euro im vergangenen Jahr. Ein weiterer Einbruch ist nach den Worten Bialojans zwar nicht zu erkennen, allerdings auch keine Trendwende nach oben.

Ein derart magerer Kapitalzufluss dürfte bei weitem nicht ausreichen, um die Branche in ihrer jetzigen Größe auf Dauer zu finanzieren. Legt man die Zahlen der wenigen börsennotierten Firmen zu Grunde, addiert sich der jährliche Cash-Verbrauch der deutschen Biotechunternehmen nach unseren Schätzungen bisher auf mehr als 500 Mill. Euro. Die im Boomjahr 2000 aufgebauten Reserven werden zusehends aufgezehrt, was zahlreiche Firmen bereits zu intensiven Sparmaßnahmen veranlasste. Bialojan fürchtet, dass durch diese Entwicklung vor allem Firmen aus dem Mittelfeld mit interessanten Technologien aber ungenügenden Ressourcen unter die Räder kommen könnten. Hier müsse man auch über neue Formen der Kooperation nachdenken.

Als Problem für viele dieser Firmen entpuppt sich nicht zuletzt die Bereinigung unter den Risikokapital-Fonds. Denn viele Kapitalgeber, die sich während des Booms in die Biotechnologie stürzten, sind derzeit nicht mehr in der Lage ihre Engagements weiter zu finanzieren. Gleichzeitig konzentrieren sich die erfahrenen, international tätigen VC-Gesellschaften auf bestehende Beteiligungen und wenige, sorgfältig ausgewählte Neuengagements. Man sehe nach wie vor auch in Deutschland eine Reihe von Biotechfirmen mit großem Potenzial, betont etwa Alexandra Goll, Partnerin bei TVM Techno Venture Management. "Wir müssen uns darauf konzentrieren, vor allem diese Unternehmen durch die Baisse zu bringen."

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%