Mangelnde Transparenz und Kontrolle im vorbörslichen Telefonhandel
Reform des Grauen Marktes gefordert

Eine breite Koalition geht gegen den vorbörslichen Aktienhandel vor. Den Graumarkt für Neuemissionen soll es in seiner jetzigen Form bald nicht mehr geben. Die betroffenen Makler würden sich einer Reform nicht verweigern.

FRANKFURT/M. Die deutschen Finanzmärkte befinden sich in einer Zeitenwende. Strengere Regeln sollen wieder Vertrauen beim Anleger schaffen. Bislang haben die Handelsvorschriften den Börsensegmenten möglichst viel Freiraum gelassen. Das ändert sich nun: Den Vorreiter hat der Neue Markt gespielt. An der Wachstumsbörse werden ab Herbst insolvente Gesellschaften und Unternehmen, deren Aktienkurs bei einer zu geringen Marktkapitalisierung zu lange unter der Marke von 1 liegt, vom Kurszettel verschwinden. Auch der vorbörsliche Telefonhandel von Aktien soll künftig strikten Regeln unterworfen oder sogar verboten werden, wenn sich Banken, Aktionärsschützer und Politiker mit ihren Forderungen durchsetzen.

Am so genannten Grauen Markt können Anleger die Aktien von Neuemissionen bereits vor der ersten Kursnotiz kaufen oder verkaufen. Der vorbörsliche Telefonhandel ist unreguliert, wird also nicht überwacht und unterliegt auch keinen festen Regeln.

Falsche Signale

"Der graue Kapitalmarkt ist zunehmend in die Kritik geraten. Der Handel mit Finanzprodukten außerhalb der Börse und ohne jede Kontrolle ist für die Anleger intransparent und setzt wegen häufig nicht realistischer Preise falsche Signale," moniert der finanzpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Hermann Otto Solms. Er steht mit seiner Kritik nicht allein. Solms weiß Aktionärsschützer und Banken auf seiner Seite, die teilweise sogar ein Verbot des Telefonhandels fordern.

Michael Bednar, Managing Director der Investmentbank UBS Warburg, bezeichnet den Telefonhandel als "Instrument zur Manipulation". Die Aussagefähigkeit der Kursentwicklung sei gering. Die fehlende Substanz werde indes vom Markt kaum erkannt. Der Graumarkt heize Emissionen an oder vereise sie. "Hier kann mit einem Streichholz ein riesiges Feuer verursacht werden", warnt der Banker. Bednar fordert für den Graumarkt ein Mindestvolumen pro Wertpapierauftrag von 100 000 zum Schutz von Privatanlegern, Banken und Unternehmen.

Irreführende Preisindikatoren

Nach Meinung von Peter Hollmann, Managing Director bei Goldman Sachs, gibt der "intransparente Graumarkt irreführende Preisindikationen" für die Neuemissionen, da beispielsweise nicht erkennbar sei, bei welchen Umsätzen die entsprechenden Kurse zu Stande gekommen seien, und wie die handelbaren Größen aussähen. In keinem anderen Land Europas spiele der vorbörsliche Telefonhandel eine derart große Rolle wie in Deutschland. Vor allem private, aber auch institutionelle Investoren ließen sich von den Graumarktkursen zu stark beeinflussen. So sei es während des Technologiebooms an den Börsen zu massiven Übertreibungen gekommen. Als Beispiel nennt Hollmann den Börsengang des Chipherstellers Infineon im März 2000 (siehe Kasten). Hier hätten Graumarktpreise und erster Kurs nichts mehr mit einander zu tun gehabt.

Hollmanns Forderung: "Der Graumarkt-Handel mit den Aktien von Börsenkandidaten sollte untersagt werden, am besten bereits im Zuge des vierten Finanzmarktförderungsgesetzes". Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) teilt die Kritik der Banker und schließt sich der Forderung nach einer Regulierung des Graumarktes durch den Gesetzgeber an. Nach Einschätzung der DSW wäre eine Mindestordergröße von 100 000 eine deutliche Warnung an die Privatanleger, für die dieses Segment ohnehin völlig ungeeignet sei.

Verbindliche Standards

Die wichtigsten Anbieter im vorbörslichen Telefonhandel, die Maklergesellschaften Lang & Schwarz und Schnigge, halten die Forderungen nach einem Verbot für völlig überzogen. Beide betonen übereinstimmend, dass der erste offizielle Kurs eines Börsenkandidaten in mehr als 80 % aller Fälle innerhalb der letzten am Grauen Markt gestellten Preistaxe liege. Von Manipulationsanfälligkeit könne deshalb keine Rede sein. Im Gegenteil, der Telefonhandel biete meist eine sehr gute Indikation für den Börsenstart einer Aktie.

"Die Kritik der Intransparenz ist allerdings nicht völlig unberechtigt", räumt Jörg Schwarz, Vorstandschef von Lang & Schwarz, ein. Gegen allgemein verbindliche Standards, die für alle Anbieter gelten und für mehr Transparenz sorgen, hätte Schwarz nichts einzuwenden: "Wir würden das begrüßen." Alleine, ohne die Konkurrenz, will er aber zusätzliche Daten zu den vorbörslichen Geschäften nicht auf den Internetseiten seiner Gesellschaft zugänglich machen.

Ähnlich äußert sich Schnigge-Vorstand Hans-Joachim Plückers. "Tendenziell" hätte auch er nichts gegen eine gesetzliche Regulierung: "Wir wären gewillt, jeden Preis mit dem entsprechenden Umsatz und der Uhrzeit zu veröffentlichen."

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