Mannheimer Institut für Mittelstandsforschung will Interesse für Forschungsergebnisse auch bei kleinen Unternehmen wecken
Forscher suchen die richtige Brücke zum Kleinstbetrieb

Das Mannheimer Institut für Mittelstandsforschung sucht Kontakt zum Kleinbetrieb. Denn der nutzt die Ergebnisse der Forscher bislang kaum. Praxisnähe und Kooperationen sollen Abhilfe schaffen.

MANNHEIM. Für den Mittelstand zu forschen, ist alles andere als einfach. Diese Erfahrung hat auch Birgit Buschmann gemacht. Vor allem die Frage, wie die Manager der kleineren Unternehmen in den Genuss der Erkenntnisse der Forscher kommen, treibt die Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung (ifm) in Mannheim zurzeit um. "Wir arbeiten intensiv an neuen Präsentationsformen", berichtet Buschmann im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Das ifm, eine Einrichtung der Universität Mannheim, teilt das Schicksal ähnlicher Institutionen wie etwa des IFM in Bonn. Zwar beschäftigen sich die rund 20 Mitarbeiter des ifm in Mannheim mit brandaktuellen Themen wie etwa der Nachfolgeproblematik. Doch interessieren sich meist nur Studenten, politische Parteien und Interessenverbände für die Forschungsergebnisse. Mittelständische Manager stehen dagegen nur selten auf der Liste der Verwerter. "Natürlich ist das ifm auch gegründet worden mit dem Ziel der Politikberatung, letztlich forschen wir aber für und über den Mittelstand und seine Organisationen", sagt Buschmann.

Die Zurückhaltung mittelständischer Unternehmen bei der Nutzung der Daten hat für die Institutsleiterin mehrere Ursachen. Zum einen richtet sich das ifm ausdrücklich an eine mittelständische Zielgruppe. Gleichzeitig will man aber den etablierten Dienstleistern wie etwa der Industrie- und Handelskammer nicht ins Gehege kommen. "Es kann nicht unser Ziel sein, den Kammern Konkurrenz zu machen, sondern Synergien zu schaffen und wissenschaftliche Dienstleistungen für Multiplikatoren bereitzustellen", betont ifm-Chefin Buschmann.

Hinzu kommt, dass sich die Kleinstunternehmer - und auf jene Firmen mit weniger als 20 Mitarbeitern zielt das Team um Birgit Buschmann - sich als ziemlich beratungsresistent erwiesen haben. "Die Hemmschwelle, die Handwerker überwinden müssen, um in eine Hochschule zu kommen, ist meist zu hoch", weiß Buschmann. Deshalb setzt die Leiterin auf Kooperationen mit den Kammern und Verbänden. "Die haben den besseren Zugang zu den Unternehmern, und den wollen wir stärker nutzen", so Buschmann.

Gleichwohl will das ifm auch den eigenen Zugang zum "Kunden Mittelstand" intensivieren; etwa durch neue Präsentationen der Forschungsergebnisse über das Internet oder den Aufbau eines "Zentrums für Unternehmensnachfolge". Ziel dieser Institution ist es laut Buschmann, das Wissen in diesem Bereich zu bündeln, um dem Unternehmer bei dem Nachfolgeproblem zu helfen.

"Geht es um die Übergabe der Firma, wenden sich die Unternehmer häufig an eine Person ihres Vertrauens, etwa den Steuerberater oder den Rechtsanwalt. Der aber kann die gesamte Problematik psychologischer, betriebswirtschaftlicher, rechtlicher und steuerlicher Fragestellungen häufig gar nicht überblicken, sondern ist Fachspezialist", macht Birgit Buschmann deutlich. Vor allem "weiche" Faktoren würden oft vernachlässigt; etwa die Frage, wie ein in seiner Gemeinde angesehener Firmengründer auch nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen seinen sozialen Status festigen kann.

Das ifm will deshalb Professoren, Forscher, Rechtsanwälte und Berater an einen Tisch bringen, um ein "interdisziplinäres Beratungskonzept" bieten zu können. "Wir stehen zum Beispiel schon in Kontakt mit einigen großen Anwaltskanzleien und Beratungseinrichtungen. Die sind sehr interessiert", berichtet Buschmann und ergänzt: "Wir wollen die Transferschiene und damit die Zusammenarbeit mit Praktikern verstärken".

Zu bieten hat das ifm den Mittelständlern eine Menge. Das dokumentiert die Liste der Forschungsprojekte. Dort finden sich Themen wie etwa "Bürokratische Hemmnisse der Mittelstandsförderung" oder "Einfluss der Besteuerung auf mittelständische Unternehmen und administrative Lasten".

Auch um die zunehmenden Finanzierungsprobleme kümmern sich die Forscher des ifm, freilich mit einem etwas eigenen Schwerpunkt. "Nachdem über die verschärften Anforderungen an die Kreditgeber im Zuge von Basel II fast jeder etwas zu sagen hat, richten wir unser Augenmerk angesichts der wachsenden Zahl von Kleinstunternehmen außerdem auf die Mikrofinanzierung", sagt Buschmann.

Dabei geht es um Modelle, mit denen mehrere "Minifirmen" ihre Finanzierungsbedürfnisse bündeln können, um etwa Zugang zu Fonds und ähnlichen Kapitalgebern zu bekommen. Hier sieht die Leiterin ein völlig neues Geschäftsfeld. "Es geht letztlich auch darum, Banken und andere Geldgebern über Beratungs- und Microlending-Initiativen zu entlasten, und so eine Art Vorbereitung und Vorprüfung zu übernehmen, damit diese sich auf ihr Kerngeschäft der Kreditabwicklung konzentrieren können", sagt Buschmann.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Rolle der Frauen im Mittelstand. Was auf den ersten Blick wie wissenschaftliche Spielerei aussieht, hat einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund. "Wir haben zurzeit einen starken Zuwachs bei Existenzgründerinnen", berichtet Buschmann. Angesichts der nach wie vor großen Barrieren für Frauen, in der Wirtschaft in Führungspositionen zu gelangen, würden sich immer mehr Akademikerinnen selbstständig machen, um ihre Ziele besser umsetzen zu können.

Dass die Experten keineswegs "graue Theorie" produzieren, zeigen zwei aktuelle Projekte. So untersucht das ifm zurzeit den Erfolg und die Effizienz der Förderprogramme der Technologiefabrik Karlsruhe, die vor 20 Jahren ins Leben gerufen worden ist. Ein ähnliches Vorhaben ist in Stuttgart geplant. "Mit der Evaluation von Förderprogrammen im Mittelstand können wir entscheidend zu einer besseren Effizienz und Zielgenauigkeit solcher Initiativen beitragen", macht Buschmann deutlich.

Um all das zu finanzieren, ist das ifm stärker denn je auf Drittmittel angewiesen. Gerade dabei hält sich die eigentliche Zielgruppe sehr zurück. "Einen finanziellen Beitrag der Wirtschaft haben wir zurzeit nicht", berichtet Buschmann. Wenn Drittmittel flössen, stammten diese in der Regel von Stiftungen oder öffentlichen Einrichtungen. Aber auch die zeigen sich angesichts knapper Kassen immer reservierter.

"Wir müssen unsere Drittmittelquote von aktuell 20 Prozent steigern", weiß Buschmann. Dabei müsse das Geld nicht nur zwangsläufig aus dem mittelständischen Sektor kommen. Letztlich müssten auch Verbände, Kammern und Großunternehmen mit ihren mittelständischen Zulieferbetrieben ein elementares Interesse an den Daten und wissenschaftlicher Expertise des ifm haben, so Buschmann.

Quelle: Handelsblatt

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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