Marathon-Veranstaltungen haben sich längst zu Massenevents entwickelt: Laufen mit Paula und Joschka

Marathon-Veranstaltungen haben sich längst zu Massenevents entwickelt
Laufen mit Paula und Joschka

Schnell musste man offenbar sein. Sehr schnell. Und früh genug geboren. "18. Olympus-Marathon Hamburg 2003 - Anmeldeschluss: 1.1.1970" heißt es auf einer Internet-Seite, die verwirrenderweise auch noch hamburg-marathon.de heißt. Die offizielle Veranstaltungs-Homepage (www.marathon-hamburg.de) nennt hingegen das korrekte Datum. Niemand musste sich schon vor 33 Jahren anmelden.

HAMBURG. Aber: Der größte deutsche Frühjahrs-Marathon ist ausgebucht - seit Monaten. 21 500 Startgenehmigungen für Läufer, Skater und Rollstuhlfahrer haben die Veranstalter vergeben. Erfahrungsgemäß werden davon am Sonntag rund 18 000 starten - mehr verträgt die Strecke auch nicht. Zwangsläufig gingen viele Läufer leer aus, eine Woche vor dem Lauf kamen noch Anfragen. Und im Internet blüht der illegale Handel mit Startnummern.

Marathon als Massenphänomen: Allein bei den Frühjahrsklassikern von London, Boston, Rotterdam, Paris und Hamburg starten weit mehr als 100 000 Menschen. Viel mehr Läufer hatten Interesse. Allein in London waren es 80 000 - fast 50 000 mehr als Startplätze vorhanden waren. Volksläufe sind das nicht mehr, sondern Großveranstaltungen mit Millionen- Etats, betont der Hamburger Veranstaltungsmanager Wolfram Götz: "Hier gelten ganz normale betriebswirtschaftliche Regeln." Mit anderen Worten: Die Veranstaltung muss sich finanziell tragen. Hobbysportler, die oft mehr als 50 Euro als Startgebühr bezahlen müssen, reichen dazu selten aus.

Erst Spitzensportler und Rekorde sorgen für Berichte in den Medien. Und das weckt Interesse bei potenziellen Teilnehmern und - noch wichtiger - bei Sponsoren. Ohne diese Geldgeber wiederum kann sich keine Veranstaltung Topathleten leisten. Denn im Normalfall decken die Einnahmen, zu denen häufig noch Zuschüsse der Städte kommen, nicht einmal die Kosten im sportlichen Bereich. Sponsoren müssen dann diese Lücke füllen - und die Spitzenläufer bezahlen.

Entsprechend unterschiedlich hoch sind die Siegprämien bei den Veranstaltungen. Während in Hamburg 15 000 Euro für einen Sieg gezahlt werden, waren es in Boston unlängst 80 000 Dollar. Hinzu kommen Prämien für eventuelle Weltbestzeiten - häufig abgesichert durch Versicherungen, die im Fall des Falles einspringen. Viele Veranstaltungen locken auch mit Antrittsgeldern. Schließlich läuft jeder Athlet maximal zwei bis drei Marathons im Jahr - und die Auswahl der Läufe ist groß. Über die Höhe der Zahlungen wird meist nur spekuliert. "Das wird sehr individuell ausgehandelt und ist schwer zu durchschauen", weiß Jens Bodemer, langjähriger DLV-Spitzentrainer und heutiger Chefredakteur des Fachmagazins Running.

Je populärer der Sportler, desto besser die Verhandlungsposition. Als Rekordhalterin und Lokalmatadorin hatte die Britin Paula Radcliffe beim London-Marathon besonders gute Karten. Allein für ihren Start am 13. April sollen die Veranstalter 400 000 Euro gezahlt haben. Die neue Weltbestzeit (2:15:25) brachte ihr weitere 250 000 Euro Preisgeld ein. Zusammen mit den Bonuszahlungen ihrer Sponsoren soll sie damit an einem Tag fast eine Million Euro verdient haben. "Damit dürfte sie bestverdienende Leichtathletin aller Zeiten sein", schätzt Bodemer.

London aber ist eine Ausnahme. Mit geschätzten 3,5 Millionen Euro hat der Veranstalter allein für die Bezahlung der Stars so viel Geld wie etwa Berlin insgesamt für die Ausrichtung. Horst Milde, Manager dieses größten deutschen Laufs, wiegelt ab: "Wir bemühen uns um gute Leute, aber Qualität hängt nicht von Rekorden ab." Und für Aufmerksamkeit sorgen schließlich auch prominente Läufer aus Wirtschaft oder Politik. "Laufende Vorbilder" nennt Milde sie - und Joschka Fischer als Paradebeispiel. "Jeder wusste damals, dass Fischer gelaufen ist. Aber kaum jemand kannte den Sieger."

Den Hobbyläufern scheint die Prominenz der Mitläufer ziemlich egal zu sein. Selbst Marathon-Neulinge wie die Veranstaltungen in Duisburg oder Essen gewinnen auf Anhieb an die 10 000 Läufer. Experten wie Jens Bodemer sind sicher, dass der Trend anhält. Auch aus wirtschaftlicher Sicht sei das wichtiger als Topathleten und Sponsorengelder: "Das ist ein riesiges Potenzial für die Sportartikelhersteller. Von der Spitze allein kann niemand leben."

Und die Massen laufen weiter: Für den Berlin-Marathon gibt es schon jetzt - gut fünf Monate vor dem Start - mehr als 31 000 Bewerbungen. Vor einem Jahr waren es fast 7 000 weniger.

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