Marh on Monday
Die Vielfalt Europas

Laut einer in Großbritannien weit verbreiteten Verschwörungstheorie befindet sich Europa auf dem unumkehrbaren Weg hin zu einem gleichgeschalteten Einheitsstaat. Die Finanzaffären der letzten Zeit beweisen jedoch genau das Gegenteil.
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Geht es um pekuniäre Unregelmäßigkeiten, dann zeigt der alte Kontinent eine florierende, möglicherweise extrem überzogene kulturelle Vielfalt auf.

Wäre es nach dem Willen der großen Staatsmänner der Nachkriegszeit gegangen, dann hätte ein Steuerparadies wie Liechtenstein die Einigungseuphorie der 1950er Jahre wohl nicht überlebt. Die folkloristische Fürstenfamilie hätte längst abgedankt, Vaduz besäße heutzutage die gleiche finanzpolitische Bedeutung wie Vaihingen. In Vereinigten Staaten von Europa wären Steuersätze vereinheitlicht, Abgabenregularien nivelliert, Wirtschaftsprüfungsrichtlinien harmonisiert, Kontenabfrageverfahren angeglichen. Mit dem Wegfall der Grenzen sind selbstverständlich alle Divergenzen eliminiert. Wenn überall die gleichen Regeln herrschen, dann erübrigen sich phantasievolle Steuerhinterziehungstechniken, auch für die pfiffigsten Unternehmenschefs.

Von einem solchen Einheitsbrei sind wir in Europa jedoch weit entfernt. Die jüngste Chronik weist auf die Nachhaltigkeit der Unterschiedlichkeiten hin. Jérôme Kerviel, der Superspekulant der Société Générale, wollte bloß den anderen Herren seinen Erfindungsgeist demonstrieren. Auf stereotype Weise ähnelt er einer romantisch-heldenhaften Figur aus der Französischen Revolution, der nur nebenbei die Welt in den Abgrund stürzt. In Großbritannien wird enthüllt, dass Ron Sandler, ein gewiefter Finanzfachmann, der auf Geheiß der Regierung die Führung der nun verstaatlichten Hypothekenbank Northern Rock übernimmt, als Steuerausländer über gewisse Privilegien verfügt. Ein Paradebeispiel für den Verfall der britischen Steuermoral? Eher eine Fallstudie, die den Spruch Oscar Wildes belegt: Die Briten kennen von allem den Preis, aber von nichts den Wert.

Hätte ein Unterhaltungsromancier die fast unglaubliche Verkettung an Finanzmarktereignissen der letzten Zeit aufgeschrieben, wäre ihm vorgeworfen worden, er hätte seine Fiktion total übertrieben. Bei den Wachstumsraten mag Europa hinterherhinken. In der Buntheit, Fülle und Mannigfaltigkeit der Finanzskandale sind wir aber Weltmeister.

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