Mario Monti ist Wettbewerbskommissar der EU-Kommission
Profil: „Super-Mario“ kämpft plötzlich um sein Image

Eine spektakuläre Pannenserie hat die Fusionskontrolle der EU in Verruf gebracht. Wird Brüssels Superstar Mario Monti zum Sorgenkind der Europäischen Kommission?

Ausgerechnet Mario Monti. "Super-Mario" haben sie ihn ehrfurchtsvoll genannt. Deutsche Kanzler und amerikanische Industrie-Magnaten bissen sich an ihm die Zähne aus. In der EU-Kommission, dem Reich der Maulhelden und Aktenfresser, war Monti ein Star, der mit mutigen Entscheidungen sein eigenes Denkmal meißelte. Nun erlebt der ungekrönte König im Brüsseler Kommissarskollegium sein Waterloo.

Einen Fehler zu machen sei nicht schlimm - der Fehler dürfe sich nur nicht wiederholen, fordern Personalchefs. Nach diesem Grundsatz wäre an der Spitze der europäischen Wettbewerbsbehörde eigentlich ein Rücktritt überfällig. Denn gleich drei Mal hintereinander hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg Mario Monti einen Rüffel für mangelhafte Arbeitsleistung erteilt. Drei Mal kippten die Richter eine von ihm verhängte Fusionsblockade. Zwar handelt es sich bei jeder Entscheidung um eine andere Branche: Zunächst ging es um den Tourismusmarkt (Airtours/First Choice), dann um Elektrokonzerne (Schneider/ Legrand) und schließlich um Verpackungen (Tetra Laval/Sidel). Doch der Kernvorwurf war stets der gleiche: Montis Mannen haben bei der Analyse geschlampt und sich grobe Beurteilungsfehler geleistet.

Das ist bitter für einen Kommissar, der als Wirtschaftswissenschaftler an der Mailänder Elite-Universität Bocconi einen guten Ruf genoss. Und bitter für die Kommission, die wegen der Ausfälle ihres unberechenbaren Präsidenten Romano Prodi einen beängstigenden Reputationsverlust hinnehmen muss. Aber in einem Beamtenapparat herrschen nun einmal andere Gesetze als in einer Konzernzentrale. So wird die beispiellose Pannenserie keine personellen Konsequenzen nach sich ziehen.

Äußerlich sieht man dem 59-jährigen Monti die Schlappe nicht an, die ihm der EuGH zugefügt hat. Als der EU-Kommissar vor die Presse tritt, um "unverzügliche Konsequenzen" aus den Urteilen zu verkünden, spielt er wie immer den englischen Gentleman. Sparsame Gesten, sonore, etwas einschläfernde Stimme, demonstratives Selbstbewusstsein auch in Zeiten der Not. "Wir haben die deutschen Landesbanken reformiert und allein im letzten Jahr zehn Kartelle zerschlagen", lobt der Italiener sich und seine Behörde. Aber, so räumt er ein, "wir müssen in der Wirtschaftsanalyse überzeugender werden". Monti formuliert das so, als habe das Schiff, das er befehligt, nur ein wenig geschlingert.

Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Lage ernst ist. Monti hat Philip Lowe mitgebracht, den neuen Chef der Generaldirektion Wettbewerb. In schwerer See stehen Kapitän und erster Steuermann ganz nah zusammen. Der Brite Lowe erläutert im Detail, was sein Kommissar nur in groben Zügen angekündigt hat: eine umfangreiche Organisationsreform in der GD Wettbewerb. Ein Chefökonom soll eingestellt werden, der den Marktanalysen mehr Glaubwürdigkeit verleiht. Außerdem soll der Denkerflügel im Hause Monti Leitlinien zur künftigen Auslegung des Begriffs "Marktdominanz" vorlegen. "Wir wollen in Zukunft vorsichtiger agieren", sagt Lowe.

Aber was heißt das denn konkret? Wettbewerbsexperten vermuten, dass Monti bei heiklen Fusionsanträgen in Zukunft eher fünfe gerade sein lässt. "Diese Urteile sind so verheerend, dass sie die europäische Wettbewerbskultur verändern werden", fürchtet das Mitglied einer renommierten Anwaltskanzlei. Mutiert Monti, der Löwe aus Brüssel, zum zahmen Kätzchen? Der Italiener weiß um die Gefahr, dass die Niederlagen vor Gericht seine Reputation als unabhängiger Wächter über die Wettbewerbsregeln beschädigen. "Ein schwerer Schlag" seien die Urteile aus Luxemburg. Aber dennoch dürfe der "weltweit gute Ruf" seiner Behörde "nicht einfach vom Tisch gefegt werden".

Man wird schon bald sehen, ob Monti in Zukunft vor hoch bezahlten Anwälten und machtbewussten Politikern leichter einknickt als bisher. Ende des Jahres entscheidet Brüssel über die Klage gegen den Computerriesen Microsoft. Zwar geht es nicht um eine Fusion, sondern um ein Kartellverfahren. Doch die ökonomischen Prüfkriterien weisen verblüffende Ähnlichkeit mit denen des Falls Tetra Laval/Sidel auf. Hier wie dort muss geklärt werden, ob ein Unternehmen mit seiner Dominanz auf einem Markt Konkurrenten auf weiteren, verwandten Märkten aushebeln kann.

Ein zweiter Prüfstein ist das vor kurzem eingeleitete Verfahren gegen den französischen Energiekonzern EdF. Der Kommissar will wie zuvor bei den deutschen Landesbanken Staatsbürgschaften für einen Monopolisten streichen. Doch in industriepolitischen Schicksalsfragen ist mit Staatspräsident Jacques Chirac nicht gut Kirschen essen. "Ein angeschlagener Monti kann diesen Kampf nicht gewinnen", meint ein leitender EU-Beamter.

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