Mark McClellan wird Chef der US-Gesundheitsbehörde FDA
Der mächtige Kontrolleur der Pharmabranche

Wird Mark McClellan nach einem Lebensmotto oder nach einer Devise für sein Handeln gefragt, so greift er gern ins Repertoire seines Großvaters. Der alte Mann, einst Dekan der juristischen Fakultät der University of Texas in Austin, hatte sein persönliches Maß für den Erfolg mit folgenden Worten beschrieben. "Wenn Du niemals im Leben jemanden richtig wütend und rasend gemacht hast, dann hast Du gar nichts erreicht."

DÜSSELDORF. Dies, so führt der 39-jährige McClellan aus, könne auch er als ein durchaus ehrenwertes Ziel betrachten. Im seinem Fall kann das Motto durchaus auch als Warnung verstanden werden. Denn McClellan wird neuer Chef der mächtigen US-Gesundheitsbehörde Federal Drug Administration (FDA). Die FDA entscheidet in den USA über Zulassung oder Ablehnung von Medikamenten - und damit über Wohlergehen oder Scheitern vieler Konzerne der weltweiten Pharmaindustrie.

Für sie ist die USA der mit Abstand wichtigste Markt - mehr als die Hälfte aller Umsätze mit Medikamenten wird dort erzielt, bei den Gewinnen ist der Anteil noch höher. Weil sich die FDA oft mit Unternehmen wie Schering, Bayer oder Merck anlegt und Zulassungen verwiegert oder zurückzieht, schauen die Arzneihersteller mit Bangen auf die Nominierung McClellans. Doch er ist für sie nicht nur mächtiger Kontrolleur, sondern Hoffnungsträger.

Schließlich gilt die Behörde als reformbedürftig und soll aus Sicht der Konzerne schneller gemacht werden: Vor allem die deutlich gestiegene Dauer der Zulassungsverfahren für Medikamente ist den Konzernen ein Dorn im Auge. Damit nicht genug: Die FDA steht nicht nur von Seiten der Industrie unter Druck. Auch Patienten und Ärzte verlangen von der Behörde mehr und bessere Informationen über Medikamente und damit mehr Sicherheit über die Wirkung neuer Arzneien. Fast zwei Jahre lang fehlte eine Adresse für diese Kritik, denn der Posten des FDA-Chefs ist seit Anfang 2000 unbesetzt. Grund ist ein Politikum: Der republikanische Präsident George Bush und die Demokraten im US-Senat konnten sich bislang auf keinen Kandidaten einigen.

Vor allem der als kritisch geltende Senator Edward Kennedy war dabei eine Schlüsselfigur: Er steht dem Gesundheitsausschuss des Senats vor, der der Besetzung der FDA-Spitze zustimmen muss. McClellan hätte also zu Jubel ansetzen können, als Kennedy ihm Anfang Oktober auf die Schulter klopfte. "Ich werde ihre Nominierung unterstützen und hoffe, dass sie das neue Amt schnell antreten können", sagte er, nachdem er den Kandidaten zusammen mit anderen Senatoren grundlich in die Mangel genommen hatte.

Doch McClellan blieb cool: "Nun, als FDA-Chef werde ich viele Entscheidungen treffen, mit denen Sie nicht einverstanden sein werden", gab er den Senatoren umgehend zurück. Dieses Selbstbewusstsein zog, denn aus Kennedys Sicht muss der FDA-Chef vor allem dem Druck der Pharmakonzerne standhalten, die natürlich am liebsten für alle ihre Mittel möglichst schnell eine Zulassung haben wollen. Der 39-jährige Professor für Medizin und Wirtschaftwissenschaften war nie in der Pharmindustrie tätig - das lobte Kennedy besonders an ihm.

Aber auch die anderen Beteiligten konnte McClellan überzeugen: er hat hat das Vertrauen der Politik - worauf die Bush-Administration Wert legt -, und er hat Erfahrung als Arzt und Ökonom zugleich - was die Gesundheitsbranche positiv anmerkt. Wenn er den Chefposten bei der FDA antritt, ist vor allem seine Führungskraft gefragt. Denn die Behörde leidet unter dem Schwund von Mitarbeitern und der Arbeitsüberlastung der verbliebenen Angestellten. McClellan hat dieses Problem erkannt und sieht es als seine wichtigste Aufgabe an, die Attraktivität und Produktivität der Behörde zu erhöhen.

Freunde und Bekannte nennen den smart dreinblickenden Mann ein Multitalent. Er setze sich ständig neue Herausforderungen und gehe diese zupackend an. Das hat er in seiner atemberaubend schnellen Wissenschaftskarriere bereits bewiesen. Statt wie geplant mit der Gehirnforschung befasste er sich als Professor für Medizin und Ökonomie mit der Gesundheitspolitik und den Folgen des medizinisch-technischen Fortschritts. McClellan wird an der FDA-Spitze Bindeglied zwischen politischen und industriellen Forderungen und wissenschaftlichen Zwängen sein müssen, und das entpricht seinem Naturell.

Er ist kein Politiker, aber er weiß, wie die Politik funktioniert. McClellan entspringt einer klassischen texanischen Politikerfamilie, und das verbindet ihn mit Präsident Bush, dessen engster Berater in gesundheitspolitischen Fragen er zuletzt war. McClellans Bruder Scott ist Sprecher im Weißen Haus, seine Mutter Carole Keeton Rylander war drei Amtperioden lang Bürgermeisterin von Austin in Texas und ist Schatzmeisterin der Republikanischen Partei dieses Bundesstaates. Bei ihren Wahlkampagnen lernte McClellan, das man nicht mit Scheu und Schüchternheit vorankommt, sondern seine Ziele klar verfolgen muss. Er hat sich dennoch seine Kompromissfähigkeit behalten, erklären Freunde von ihm. Die wird er voraussichtlich auch brauchen, wenn bei der anstehenden Reform der in der Pharmawelt wichtigsten Zulassungsbehörde beide Interessengruppen befriedigen will - die Konzerne und die Patienten.

Quelle: Handelsblatt

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