Markt ist mehr als Angebot und Nachfrage
Alte Gesetzmäßigkeiten gelten auch in der New Economy

Die New Economy ist in der Old Reality angekommen: Die psychologischen Kategorien, mit denen man das Wirtschaften ganz neu erklären wollte, sind verschwunden.

Das Desaster auf den Aktienmärkten und der Zusammenbruch der viel umjubelten New Economy bringen die Wahrheiten des Wirtschaftens wieder ins Bewusstsein.

Es genügt nicht, Gründeridealismus zu haben - es hat nie genügt. Man muss auch noch wissen, wie die Wirtschaft funktioniert. Selten zuvor gab es so viel Einfalt und Naivität wie in Zusammenhang mit der New Economy. Und selten zuvor hat sich so viel scheinbarer Wirtschaftssachverstand als pure Unkenntnis entlarvt. Die Träume der Jungunternehmer, Business-Angels, Anfängeraktionäre und jener, die ihnen zu ihren Abenteuern geraten haben, die Finanzanalysten, enden dort, wo Wirtschaftsdummheit immer endet: in Schulden.

Warum arbeitet der Mensch? Warum wird überhaupt gewirtschaftet? Warum wird auf eine bestimmte - und nicht auf andere - Weise gewirtschaftet? Arbeiten und Wirtschaften werden durchweg mit bestimmten Formen menschlichen Strebens und Wollens erklärt: Der Mensch will - so hört man - Bedürfnisse befriedigen. Als Konsument strebt er immer nach Nutzen oder danach, seine Wünsche zu erfüllen.

Psycholgische Elemente sind die Triebkräfte des Wirtschaftens

Als Unternehmer und Investor hat er ein Gewinnmotiv, will wachsen und Wertsteigerung haben. Als Manager will er produktiv oder innovativ sein. Als Mitarbeiter wirkt er, weil er motiviert, gar begeistert wurde. Es sind also offensichtlich psychologische Elemente, die allgemein als die Triebkräfte des Wirtschaftens angesehen werden.

Das alles klingt nicht nur plausibel, es ist weitgehend herrschende Lehre. Ist es aber wirklich so? Sind es solche subjektiven Elemente des Wollens, Wünschens und Strebens, die den Druck in der Wirtschaft erklären? Wieso stellt man sich diesem Druck und weicht nicht aus? Wegen des Wettbewerbs, lautet die Antwort. Ist das die ganze Wahrheit?

Damit wird, wie es scheint, ein Aspekt immer wieder übersehen oder unterschätzt: Zu einem erheblichen Grad arbeiten die Menschen und wirtschaften Unternehmer und Unternehmen nicht deshalb, weil sie arbeiten oder wirtschaften wollen, sondern weil sie müssen. Sie stehen unter Zwang.

Woher kommt dieser Zwang? Er folgt aus der schlichten Tatsache, dass Menschen und Unternehmen Verpflichtungen eingegangen sind, die der Höhe und der Zeit nach festgelegt sind und zwangsweise erfüllt werden müssen. Einfacher gesagt: Sie haben Schulden. Der Zwang resultiert aus früher eingegangenen Schuldverträgen. Werden diese nicht erfüllt, ist Pfändung und schließlich der Bankrott die Folge. Es ist nicht so lange her, da gab es noch die Schuldknechtschaft.

Schulden und ihre Ursprünge

Ein Teil der Schuldverhältnisse wird freiwillig eingegangen - und hätte somit auch vermieden werden können. Man hätte die entsprechenden Kaufakte - zum Beispiel Raten- oder Kreditkartenkäufe - auch aufschieben können, wäre man nicht so gierig oder ungeduldig gewesen. Sobald die Schuldverhältnisse aber einmal entstanden sind, üben sie ihre unerbittliche Wirkung aus, nämlich Erfüllungszwang, und zwar nicht nur im Ausmaß des eingegangenen Obligos, sondern zusätzlich in Höhe des vereinbarten Zinses.

Der weitaus größere Teil der Schuldkontrakte muss aber unfreiwillig geschlossen werden. Alle Produktion und alles Arbeiten müssen vorfinanziert werden. Käufer gibt es erst, nachdem produziert, Lohn erst, nachdem gearbeitet wurde. Die Vorfinanzierung führt zu Schuldkontrakten und zusätzlichen Kosten, eben dem Zins.

Ein Schuldner ist also gezwungen, völlig gleichgültig, was sein Streben, Wollen oder seine Motivation sein mag, nicht nur das Darlehen zu erwirtschaften, also eine Leistung zu erbringen, die er ohne Bestehen des Schuldkontraktes möglicherweise nicht erbracht hätte; er muss darüber hinaus eine Mehrleistung in Höhe des Zinses erwirtschaften.

Über diese Ursache wirtschaftlicher Hektik und wirtschaftlichen Drucks wird selten berichtet - bemerkenswert, wo wir doch weltweit die höchsten absoluten und relativen Schulden haben, die es je gab. Diese Ursache des Wirtschaftsgeschehens ist von psychologischen Motiven und sonstigen Zielen, Wünschen und Vorhaben gänzlich unabhängig.

Markt ist mehr als Angebot und Nachfrage

Die Summe aller Schuldverhältnisse multipliziert mit dem jeweils gültigen Zinssatz entspricht der mindestens zu erbringenden wirtschaftlichen Mehrleistung, wenn die Schuldner nicht untergehen wollen - und als Folge auch die Gläubiger. Der Markt ist somit nicht nur der Ort des Aufeinandertreffens von Angebot und Nachfrage, sondern er ist auch - und vor allem - der Ort, wo verschuldete Produzenten die erforderlichen Schuldendeckungsmittel, nämlich Geld, aufzutreiben versuchen.

In den asiatischen Ländern kann man diesen Zusammenhang seit dem Kollaps der Illusionen eindrucksvoll beobachten, und bei uns wird es jetzt auch täglich drängender. Die Ansprüche für das tägliche Leben könnten die Menschen weit heruntersetzen - wenn nur die Schulden nicht wären. Sinkende Aktien und Immobilien wären für niemanden ein Problem, wenn er sie denn bezahlt und nicht auf Kredit gekauft hätte, oder wenn er nicht im Glauben auf ewig steigende Kurse andere Verpflichtungen eingegangen wäre.

Scheinbar aus heiterem Himmel wird aus einer Wirtschaft des Wollens eine Wirtschaft des Müssens. Die psychologischen Kategorien, in denen das Wirtschaften wahrgenommen wurde und in denen man es erklären zu können glaubte, sind verschwunden und es regieren die ökonomischen Realitäten.

Den meisten bleibt nun das Wort von der paradiesischen New Economy im Halse stecken, denn sie erkennen, dass alles Wirtschaften nach denselben Gesetzen funktioniert.


Unter dem Titel "Malik on Management" gibt der Gastautor auch einen Newsletter heraus.

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