Markt-Monitor
Anlagenotstand in China

In China wächst die Inflation so schnell wie seit zehn Jahren nicht mehr - und entwertet die Spareinlagen der Kleinanleger. In ihrer Not suchen die Massen Zuflucht am Aktienmarkt. Doch auch hier droht ihnen Unheil.

Dass in China die Wirtschaft mit gewaltigen Raten wächst, ist hinlänglich bekannt. Knapp 12 Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal zu, und nicht nur die chinesische Regierung befürchtet, dass die heimische Volkswirtschaft überhitzen könnte. Weiteren Anlass zur Sorge geben neue Inflationsdaten. Demnach lag die Teuerungsrate im Juli bei 5,6 Prozent - so hoch wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr und einen satten Prozentpunkt über den durchschnittlichen Erwartungen von Volkswirten.

Weil der Preisanstieg zu einem großen Teil auf Lebensmittel zurückzuführen ist, trifft er vor allem die arme Bevölkerung der Volksrepublik. Und auch die Sparer gucken in die Röhre. Die Kapitalerträge ihrer - ohnehin schon miserabel verzinsten - Spareinlagen werden durch die Inflation zusätzlich entwertet. Fast zwangsläufig führt das die Kleinanleger an den Aktienmarkt. Im Ohr die Erzählungen vom Nachbarn, der hier in Kürze ein kleines Vermögen gemacht hat, eröffnen die Chinesen in Scharen neue Wertpapierdepots.

Die Festlandbörsen in Schanghai und Shenzhen treibt das von einem Rekord zum nächsten. Die spektakulären Rückschläge im Februar, Mai und Juni scheinen längst wieder Geschichte, seit Anfang Januar kommt der Auswahlindex der Festlandbörsen, der CSI 300, auf ein Plus von 138 Prozent - das ist weltweit Spitze. Die Warnungen von Regierung und Zentralbank vor einer Spekulationsblase sind nahezu wirkungslos verpufft.

Die Gefahr hingegen ist längst nicht gebannt. Im Gegenteil: Je mehr Chinesen an die Börse drängen, desto stärker blähen sich die Kurse und Bewertungen auf. Das kann nicht lange gut gehen. Die nächste Gegenbewegung kommt bestimmt. Und dann sind diejenigen, die als letzte in den Markt gekommen sind, diejenigen mit den höchsten Verlusten.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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