Markt-Monitor
Bulle über Nacht

Urplötzlich ist der Optimismus an die Aktienmärkte zurückgekehrt. In den USA und in Japan sprechen die Börsianer schon wieder von Bullenmärkten. Anleger sollten sich aber vorsehen: Noch sind die Bären nicht erlegt.
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So schnell kann es gehen: Gestern noch wähnten sich viele Anleger trotz der jüngsten Kursgewinne mitten in der Finanzkrise. Am vergleichsweise moderaten Plus des Dax, der den US-Börsen nicht so richtig folgen wollte, konnte man die Skepsis der Investoren gut ablesen. Doch heute Morgen sieht das Bild plötzlich ganz anders aus. Sowohl der amerikanische Dow-Jones-Index als auch der japanische Nikkei liefern dem Dax eine Steilvorlage für weitere Kursgewinne. Denn beide haben mit ihren jüngsten Kursgewinnen den Bärenmarkt verlassen.

Dies gilt zumindest dann, wenn man den gängigen Definitionen der Börsianer folgt. Diese sprechen von einem Bullenmarkt, wenn ein Index mehr als 20 Prozent zugelegt hat. Der Nikkei, der seit seinem 26-Jahres-Tief vor zwei Wochen rund 1 500 Punkte zugelegt hat, und der Dow erfüllen diese Bedingung. Dem US-Leitindex ist zuletzt sogar Historisches gelungen. Ein Plus von mehr als 20 Prozent in nur zehn Tagen hat der Dow in seiner Geschichte bisher nur fünfmal geschafft, zuletzt gelang ihm das im Jahr 1938.

Dem Dax fehlen nach wie vor rund 200 Punkte, bis auch er den Bullenmarkt erreicht. Zwar sind Gewinnmitnahmen nie auszuschließen, kurzfristig stehen die Chancen aber gar nicht schlecht, dass ihm dies gelingt. Denn ein Großteil der jüngsten Kursgewinne dürfte auf das so genannte Short-Covering zurückgehen, also Eindeckungskäufe von Spekulanten, die mit Wetten auf fallende Kurse daneben gelangt hatten. Die meisten Investoren haben sich mit Aktienkäufen in den vergangenen Wochen hingegen weiter zurückgehalten. Mit jedem weiteren Kursanstieg steigt jedoch die Nervosität und die Sorge, etwas zu verpassen. Irgendwann könnten so auch die Skeptiker ihre Zurückhaltung aufgeben und den Märkten weiter aufwärts helfen.

Auf längere Sicht, und das ist die schlechte Nachricht, dürfte es für eine Entwarnung an den Aktienmärkten aber noch zu früh sein. Die technisch getriebene Erholung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die fundamentale Ausgangsposition immer noch dürftig ist. Von Seiten der Konjunktur wartet man nach wie vor vergeblich auf positive Signale. Und auch die Unternehmensberichte geben bisher wenig Anlass für Optimismus.

Allenfalls die Banken, die nach eigenen Angaben in den ersten zwei Monaten des Jahres wieder gut verdient haben, äußerten sich zuletzt positiv. Die Deutsche Bank stellte heute Morgen sogar einen Gewinn für 2009 in Aussicht. An den Märkten ist das bereits entsprechend gewürdigt worden. Und weder die guten zwei Monate noch die Rettungsmaßnahmen der US-Regierung sind dazu angetan, Anleger in Sicherheit zu wiegen. Im Gegenteil: Es werden auch wieder schlechte Nachrichten aus dem Finanzsektor kommen. Alles andere wäre angesichts der Tiefe der Krise eine Sensation.

An den Aktienmärkten, die auf Hiobsbotschaften von den Banken besonders drastisch reagieren, dürfte es insofern früher oder später zu neuen Rückschlägen kommen. Ob diese noch einmal auf neue Tiefstände führt, ist zurzeit zweitrangig. Entscheidend ist für Anleger, dass sie die aktuelle Situation richtig einschätzen. Und auch wenn es die Börsianer anders benennen: Die jüngste Aufwärtsbewegung trägt alle Züge einer klassischen Bärenmarktrally. Von einem Bullenmarkt sind wir noch weit entfernt.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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