Markt-Monitor
Der Fluch der Börsenmythen

Zehn Prozent hat der Dax im Januar verloren. Bei Statistikern und Börsentheoretikern lässt das die Alarmglocken schrillen. Anleger sollten sich jedoch davor hüten, den verbreiteten Januar-Mythen am Aktienmarkt hinterherzulaufen.

DÜSSELDORF. Der Börsenmonat Februar hat so begonnen wie der Januar endete – mit Verlusten. Zehn Prozent Minus hat der Deutsche Aktienindex (Dax) im Januar angehäuft. In der 21-jährigen Geschichte des Indexes ist das der zweitschlechteste Jahresstart überhaupt. Nur 2008 lief mit einem Kursrutsch um 15 Prozent noch schlechter.

Der zweite miserable Januar in Folge bringt Börsenstatistiker in Erklärungsnot. Gilt doch der Januar statistisch als einer der besten Börsenmonate überhaupt. Und das auch nicht zufällig. Fachleute haben eine Reihe von Gründen für den so genannten "Januar-Effekt" ausgemacht: Da ist zum einen eine höhere Risikobereitschaft von Investoren im Januar, die bis zur Bilanzlegung im Dezember noch reichlich Zeit haben. Hinzu kommen Sondereffekte wie das so genannte "Window Dressing". Hierunter versteht man steuerlich induzierte Verkäufe von institutionellen Anlegern, die ihre Verlustbringer im Depot im Dezember abstoßen, um die Verluste mit den Gewinnen des Jahres zu verrechnen. Die dadurch freiwerdenden Mittel legen sie mit Beginn des neuen Jahres wieder an und stützen so die Aktienkurse. Und dann gibt es natürlich noch die These von der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Je mehr Anleger an den Januar-Effekt glauben und entsprechend handeln, desto eher wird er Realität.

Im laufenden Jahr hat die Theorie vom "Januar-Effekt" nun jedoch erneut versagt. Das mag daran liegen, dass ein Teil der Wiederanlagen bereits Ende Dezember vorgenommen wurde, als der Dax rund 200 Punkte gewann. Wahrscheinlicher ist aber, dass die schlechte Nachrichtenlage die Investoren von Aktienkäufen zurückschrecken ließ – Börsenstatistik hin, Börsenstatistik her.

Wie es 2008 nach dem miserablen Börsenmonat Januar weiterging, ist hinlänglich bekannt. Das Jahr endete mit einem Kurseinbruch im Dax von gut 40 Prozent. Nun geht die Sorge um, dass 2009 Ähnliches droht. Dies legt zumindest ein weiterer an der Börse verbreiteter Mythos zur Bedeutung des Januars nahe. Glaubt man dem so genannten "Januar-Barometer", gibt nämlich der Verlauf des Auftaktmonats die Richtung für den weiteren Jahresverlauf vor.

Heerscharen von Kapitalmarktforschern haben diesen Effekt in den vergangenen Jahrzehnten statistisch belegt. Beim genauen Blick in die Statistik sind die Perspektiven allerdings weit weniger düster: Denn der Gleichlauf von Januar und Gesamtjahr gilt vor allem dann, wenn es in den ersten Wochen an der Börse aufwärts geht. Seit 1970 hat der amerikanische Leitindex S&P 500 in 21 von 24 Fällen, in denen er mit Kursgewinnen ins Jahr gestartet war, in den Folgemonaten ebenfalls zugelegt. Dagegen schaffte er in den 15 Jahren, die er mit negativen Vorzeichen im Januar eröffnete, immerhin sieben Mal die Wende zum Guten.

Noch beruhigender ist ein Blick auf den Dax: Dieser verlor seit seiner Einführung im Jahr 1988 insgesamt acht Mal an Wert. Fünfmal stand am Jahresende dennoch ein Plus zu Buche. In vier Jahren – 1988, 1989, 2003 und 2005 – legte der Dax sogar um mehr als 20 Prozent zu.

Noch sollten Anleger das Aktienjahr 2009 also nicht abschreiben. Vor allem aber sollten sie nicht statistischen Mythen und historischen Weisheiten hinterherlaufen, sondern Augen und Ohren offen halten, um Hinweise auf eine Besserung der Lage frühzeitig zu erkennen. Der entscheidende Makel jeder Statistik ist, dass sie immer nur die Vergangenheit betrifft. An der Börse wird jedoch bekanntlich die Zukunft gehandelt.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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