Markt-Monitor
Fataler Fehler

Alles hatten die Märkte erwartet – nicht aber ein Scheitern des US-Rettungspaketes. Im Ringen um Wählerstimmen setzen die Abgeordneten des Repräsentantenhaus leichtfertig die Stabilität des Finanzsystems aufs Spiel und vergiften so die Stimmung an den Börsen.
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Zwei Dinge sollte die Finanzkrise eigentlich unmissverständlich gelehrt haben: Erstens können Dinge, die heute noch als unumstößliche Wahrheit gelten, morgen schon hoffnungslos überholt sein. Und zweitens ist das Weltfinanzsystem noch viel komplexer und verschachtelter, als es selbst intimste Kenner für möglich gehalten hätten.

Mit ihrer Entscheidung, das 700-Milliarden-Paket für die angeschlagene Finanzbranche zu stoppen, haben die Abgeordneten im amerikanischen Repräsentantenhaus bewiesen, dass sie zumindest den zweiten Punkt nicht verstanden haben. Mag man der amerikanischen Bevölkerung noch nachsehen, dass sie das gegen das staatliche Rettungspaket für die Banken Sturm läuft, weil sie es als unfair empfindet und die Tragweite der Stützungsaktion für das weltweite Finanzsystem nicht fassen kann. Von den Volksvertretern in den USA hatte man eigentlich mehr erwartet. In Wahlkampfzeiten ein trauriger Trugschluss.

Wollen wir hoffen, dass die 228 Abgeordneten, die die Zustimmung für das Hilfspaket nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, letzte Nacht gut geschlafen haben. Schon heute könnte der eine oder andere seine Entscheidung womöglich bereuen. Die Reaktion der US-Börsen spricht eine deutliche Sprache: Wenn der Dow-Jones-Index um sieben Prozent einbricht, dann tut er das nicht aus bloßer Enttäuschung der Marktteilnehmer über die politischen Spielereien, dem die staatliche Stütze zum Opfer fiel, sondern aus Angst vor dem, was den Märkten jetzt bevorsteht.

Dass dem Schwarzen Montag heute ein bisher gar nicht extrem dunkler Dienstag folgt, kann kaum beruhigen. Denn die Aussichten für die Märkte nach dem vorläufigen Scheitern einer politischen Auffanglösung sind miserabel. Fakt ist, dass die Banken vorerst auf faulen Wertpapieren in dreistelliger Milliardenhöhe sitzen bleiben. Die so dringend benötigte Entlastung der Bilanzen von den giftigsten aller Papiere wird sich bestenfalls verzögern. Fakt ist auch, dass die neuerlichen Kursverluste an der Wall Street die Probleme der Finanzbranche noch einmal potenzieren. Je weniger die Wertpapierbestände der Banken wert sind, desto größer ist ihr Abschreibungsbedarf. Und desto größer ist der Bedarf an frischem Kapital.

Kapital allerdings ist immer schwerer erhältlich. Die Staatsfonds, die sich in der ersten Runde der Banken-Rekapitalisierung massiv in die Finanzbranche eingekauft haben, sitzen inzwischen auf hohen Verlusten und halten sich entsprechend zurück. Von Private-Equity-Firmen und anderen Großinvestoren ist eh nicht viel zu erwarten. Und Großbanken wie die gerade bei Morgan Stanley eingestiegene japanische Mitsubishi UFJ können sich die allerbesten Adressen für ihre Investitionen aussuchen, der wachsenden Masse der Kriseninstitute werden sie nicht beispringen.

So bleibt vielen Banken nur die Alternative, Geschäftsteile bzw. Vermögenswerte abzustoßen, womit sie die Marktpreise weiter nach unten prügeln und zusätzliche Abschreibungen bewirken. Ein Teufelskreis. Einziger Ausweg – das hat der heutige Tag gezeigt – scheint vielfach die Rettung durch den Staat zu sein. Eine Lösung, mit der die Märkte nur deshalb leben können, weil die Alternative das ultimative Finanzchaos wäre.

Ganz nebenbei kann die Krise der Banken an der globalen Konjunktur nie und nimmer spurlos vorbeigehen. Eher früher als später wird sich die Misere der Finanzinstitute in ihrer Kreditvergabe spiegeln. Was das für die schwächelnden amerikanischen Unternehmen und die hoffnungslos überschuldeten US-Verbraucher bedeutet, mag man sich kaum ausmalen. Und im globalen Wirtschaftssystem ist niemand in Sicht, der in die Bresche springt, um das Wachstum zu retten. Die Rezession steht nicht nur unmittelbar bevor. Viel spricht dafür, dass sie nun auch länger und heftiger wird als befürchtet.

Schaut man vor diesem Hintergrund zurück auf die Aktienmärkte, schwindet jeglicher Optimismus für eine kurzfristige Wende zum Besseren. Schon vor der Abstimmung im US-Repräsentantenhaus war die Stimmung an der Börse am Boden. Die amerikanischen Volksvertreter hatten die Chance, den Märkten etwas Stabilität zu verleihen. Stattdessen haben sie das Börsenklima endgültig vergiftet.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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