Markt-Monitor
Flucht in riskante Anlagen

Das erste Halbjahr an den Märkten war geprägt von Rekordgewinnen bei riskanteren Anlagen und spektakulären Verlusten bei sicheren Investments. Die weiteren Aussichten sind unklar und hängen vor allem an der Konjunktur. Mit Stillstand sollten Anleger aber nicht rechnen.
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Der letzte Handelstag des ersten Halbjahres - Zeit, eine kleine Bilanz zu ziehen. Die vergangenen Monate an den Kapitalmärkten waren ohne Zweifel ruhiger als die Zeit zuvor. Weil die Anleger ab Anfang März ihre Scheu abgelegt haben und plötzlich wieder beherzt zu riskantren Investments griffen, sind die Ergebnisse aber ähnlich spektakulär:

Staatsanleihen machten im ersten Halbjahr so hohe Verluste wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr. Auf der anderen Seite erzielten europäische Unternehmensanleihen Redorderträge. Asiatische Aktien, gemessen am MSCI Asia Pacific Index, kamen allein im zweiten Quartal auf Kursgewinne von fast 30 Prozent. Und der Ölpreis klettert pünktlich zum Halbjahresende auf ein Achtmonatshoch über 73 Dollar. Im Vergleich zum Tiefpunkt bei 34,30 Dollar im Februar ist das ein Plus von gut 110 Prozent.

Die Motive der "Flucht in riskante Anlagen" sind vielschichtig. Zum einen waren Hochsicherheitsanlagen schlich unattraktiv geworden: Am Geldmarkt gab es im Zuge weltweit sinkender Zinsen kaum noch etwas zu holen und bei Staatsanleihen waren die Kurse zu weit davon geeilt. Gleichzeitig wartet eine enorme Geldmenge darauf, investiert zu werden. Und schließlich machen sich nach einigen besser als erwartet ausgefallenen Frühindikatoren und positiven Prognosen von IWF und Weltbank zunehmend Hoffnungen auf eine Konjunkturwende breit. Dies alles gepaart mit Eindeckungskäufen durch Investoren, die noch auf der Bärenseite standen und von der rasanten Aufwärtsbewegung an den Märkten überrascht wurden, kann die massiven Kursgewinne erklären.

Die wesentlich schwierigere Frage ist die nach der weiteren Entwicklung. Unterbewertete Anlageklassen sind anders als vor einigen Monaten noch absolute Mangelware geworden. Das gleiche gilt auch, wenn man eine Stufe tiefer geht und beispielsweise auf einzelne Aktien schaut. Dort, wo jetzt noch eine extreme Diskrepanz besteht zwischen dem vermeintlichem fairen Wert und dem Wert, den der Markt für angemessen hält, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit etwas faul. Eine bewertungsgetriebene Fortsetzung des Aufwärtstrends ist somit nicht mehr zu erwarten.

Letztlich hängt der Fortgang der Märkte im zweiten Halbjahr wohl einzig an der Konjunktur. Inzwischen gibt es viele Anhänger der These, dass die wichtigen Volkswirtschaften in den USA und Japan bereits im dritten Quartal wieder auf Wachstumskurs schwenken. Sichere Indikationen hierfür gibt es allerdings nicht, insofern besteht Enttäuschungs- und damit Rückschlagpotenzial. Andererseits gibt es am Markt nach wie vor genug Skeptiker, die den Konjunkturprognosen misstrauen. Dies wiederum schafft Kurspotenzial für den Fall, dass die Erholung tatsächlich schon in wenigen Wochen einsetzt. Für reichlich Bewegung an den Märkten dürfte somit auch im zweiten Halbjahr gesorgt sein.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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