Markt-Monitor
Liegt die Zukunft der Börsen in China?

Die chinesische Regierung will ausländische Unternehmen an die Börse locken. Das ist eine erstaunliche Wende, vor zwei Jahren suchten chinesische Firmen ihrerseits noch ihr Heil an westlichen Börsen. Für Anleger haben sich deren Papiere nicht gelohnt und auch jetzt werden sie kaum profitieren können.
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Da sage noch einer, die IPO-Konjunktur liege am Boden. Für Deutschland mag das stimmen, in anderen Regionen steigt das Interesse an Börsengängen aber wieder an. Vorreiter sind - wie auch bei der Börsenrally der vergangenen Monate - die Schwellenländer. In Brasilien gelang dem Kreditkartendienstleister Visanet jüngst ein Milliarden-Börsengang und in China waren die neuen Aktien des Pharmakonzerns Guilin Sanjin bei Aktionären heiß begehrt. Wohl auch deshalb, weil es der erste chinesische Börsengang seit September war.

Bei den heimischen Unternehmen macht sich da Neid breit. Denn in Deutschland ist das Klima für größere Börsengänge - das erfolgreiche IPO des Online-Brokers Flatex kann hier kein Maßstab sein - nach Einschätzung von Experten noch nicht reif.

Vielleicht tut sich jetzt aber überraschend eine andere Chance für den Gang an die Börse auf. Wie Nachrichtenagenturen berichten, will die chinesische Regierung ausländische Unternehmen an die heimische Börse locken. Die zuständigen Behörden suchten derzeit nach Möglichkeiten, wie man den Firmen den Gang an den Aktienmarkt in China ebnen könne, erklärte das Handelsministerium heute.

So schnell kann sich das Blatt also wenden. Suchten doch vor zwei Jahren noch chinesische Unternehmen ihr Glück an Auslandsbörsen. Auch in Deutschland wagten vereinzelt chinesische Firmen wie Asian Bamboo oder Zhong De Waste Technologies den Schritt an die Börse. Ein größerer Ansturm verhinderte vor allem das einbrechende Börsenklima. Dieser ließ übrigens auch Asian Bamboo und Zhong De in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Nun sollen also auf dem umgekehrten Weg die chinesischen Anleger vom Unternehmenserfolg westlicher Konzerne profitieren können. Für die Unternehmen mag das durchaus interessant sein, da sie nicht nur eine neue Anlegerklientel erreichen, sondern auch ihren Bekanntheitsgrad in der Volksrepublik deutlich steigern könnten. Voraussetzung ist natürlich, dass die Rahmenbedingungen stimmen und China den Firmen nicht ins Geschäft reinpfuscht.

Für die westlichen Anleger kann sich das jedoch höchstens indirekt auswirken, falls ein steigender Marktanteil in China zu insgesamt höheren Erträgen führt. Die IPOs hingegen dürften zum einen den chinesischen Anlegern vorbehalten bleiben und wären angesichts der großen Risiken auf dem chinesischen Markt auch insgesamt wohl kaum ein geeignetes Investment. Hiesigen Investoren bleibt also kaum etwas anderes übrig, als sich zu gedulden, bis mit den Börsen auch die Stimmung für IPOs wieder anzieht und geeignete Kandidaten ermuntert, den Gang an die Börse zu wagen. Bleibt zu hoffen, dass diese ihr Eigenkapital nicht künftig lieber in China einsammeln.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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