Markt-Monitor
Ruhig Blut an den Börsen!

Die Aktienmärkte starten einen weiteren Erholungsversuch. Doch auch dieser erscheint wenig aussichtsreicht. Nicht nur, dass die fundamentale Situation wenig Anlass für Zuversicht liefert. Die Gegenbewegung selbst fällt wieder einmal zu heftig aus, um wirklich Hoffnung zu spenden.
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Ist die Hoffnung zurück an der Börse? Die Kursgewinne im Dax und das noch viel höhere Plus an der Wall Street zum Wochenschluss lassen das auf den ersten Blick vermuten. Aber Vorsicht ist angesagt: Mehr als eine technische Gegenbewegung sollten Anleger jetzt nicht erwarten.

Denn an der fundamentalen Ausgangslage hat sich aber auch gar nichts geändert. Die Welt steht unverändert am Rande einer tiefen Rezession. Der Reigen an Hiobsbotschaften aus den Unternehmen, die vergangene Woche auch Deutschland mit Wucht erreichte, dürfte sich fortsetzen. Auch die Rettung der Citigroup, für die der Staat einen unfassbar anmutenden Rettungsschirm von 300 Mrd. Dollar spannt, kann man bei einem genaueren Blick kaum als positives Signal werten. Die USA haben lediglich den Super-Gau verhindert, indem sie die einstmals größte Bank der Welt vor dem endgültigen Kollaps bewahrt haben.

Die jüngste Erholungsrally an der Wall Street stützte sich denn auch mehr auf vage Hoffnungen auf ein drastisches Gegensteuern der Regierung Obama - festgemacht am neuen Finanzminister Timothy Geithner. Aber ein Wunderheiler ist der New Yorker Notenbankchef ganz sicher nicht. Ohne Zweifel hat Geithner in den vergangenen Monaten eine gute Figur in der Finanzkrise abgegeben. Und die Chancen, dass er als Mann der Märkte das Finanzsystem nicht komplett auf den Kopf stellt und auf Staatswirtschaft umschaltet, stehen nicht schlecht. Für die Wall Street ist das ein wichtiges Signal. Nur sollte niemand erwarten, dass Geithner alleine die Rezession stoppen und das Finanzsystem sanieren kann. Kurzfristige Lösungen, das haben alle Rettungsaktionen der vergangenen Monate gezeigt, gibt es in der Finanzkrise nicht.

Insofern sollte auch niemand den Fehler machen und jetzt schon auf ein Ende der Börsenturbulenzen setzen. Dagegen spricht übrigens auch die Vehemenz der Gegenbewegung am Freitag. Auch wenn es vorher kräftig bergab ging: 6,5 Prozent Plus für den Dow Jones sind nicht gesund. Ähnliche Konstellationen gab es in den vergangenen Monaten zuhauf. Man erinnere sich nur an den "goldenen Montag" Mitte Oktober, an dem der Dax mit einem Plus von 11,4 Prozent den höchsten prozentualen Tagesgewinn aller Zeiten hinlegte und auch fast alle anderen internationalen Indizes zweistellig zulegten.

Nachhaltig war das Plus wie bei allen anderen Erholungen nicht. Und auch jetzt droht das schnelle Aus für die Hoffnungen auf Besserung. Letztlich zeigen die heftigen Tagesbewegungen nach oben vor allem, dass die Börsen nach wie vor in den Händen von Spekulanten und kurzfristigen Tradern liegen. Sie halten die Volatilität hoch und das schreckt die Masse der Anleger ab.

Was der Markt jetzt dringend braucht, ist eine Beruhigung des Geschehens. Das Adrenalin, das Trader und um ihre Existenz kämpfende Hedge-Fonds ausstoßen, muss raus aus dem Markt. Fünf Tage mit zwei Prozent Kursgewinn in Folge wären vor diesem Hintergrund deutlich mehr wert als ein Tag mit sechs Prozent Plus. Erst wenn die Anleger das Gefühl bekommen, dass die Börsenentwicklung wieder in einigermaßen nachvollziehbaren Bahnen verläuft, werden sie womöglich neues Vertrauen fassen und nach und nach an den Markt zurückkehren. Bis dahin bleiben alle Prognosen vage Hoffnungen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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