Marktabhängiges Provisionsgeschäft
Deutsche Banken-Titel werden abgestraft

Panik, massive Verunsicherung der Investoren und schlechte Nachrichten von Unternehmen anderer Wirtschaftszweige sorgen nach Einschätzung von Experten für den seit Tagen andauernden massiven Kursverfall deutscher Bank- und Versicherungsaktien.

Reuters FRANKFURT. Generell würden die Titel deutscher Banken zurzeit für ihre verstärkte strategische Ausrichtung auf das stark marktabhängige Provisionsgeschäft abgestraft, hieß es. Außerdem seien die Werte Opfer der anhaltenden Angst vor weiteren Firmenpleiten oder Bilanzskandalen, von denen die Geldhäuser als Kreditgeber oder als Besitzer von Beteiligungen gegebenenfalls direkt betroffen seien. Kursabschläge von teilweise über 10 % an einem Handelstag, wie etwa bei der HypoVereinsbank halten die Experten jedoch für massiv überzogen.

In den vergangenen Tagen waren die Aktien von Hypo-Vereinsbank, Commerzbank und Deutscher Bank teilweise massiv unter Druck geraten. Die Deutsche Bank litt unter anderem darunter, dass die Höhe ihres Engagements beim insolventen US-Telekomkonzern Worldcom nicht geklärt war. Der Kurs der Hypo-Vereinsbank-Aktie war am Dienstag von Informationen aus Finanzkreisen, dass die Bank im zweiten Quartal operativ einen Vorsteuerverlust von rund 200 Mill. ? ausweisen werde, um rund 11 % gedrückt worden.

Am Mittwoch setzte sich der Kursverfall vor allem bei Hypo-Vereinsbank und Commerzbank fort. "Nach dem Telekomsektor hat es jetzt die Versicherer und die Banken erwischt", sagte Volker von Krüchten, Analyst bei der BHF-Bank. Die deutschen Banken hätten ihre Strategie unter anderem wegen niedriger Margen im Zinsgeschäft zunehmend und mit hohem Kostenaufwand auf das stark von der Marktentwicklung abhängige Provisionsgeschäft verlagert. In dem anhaltend schlechten Umfeld des Gesamtmarktes würden nun die Erträge schneller sinken als die Kosten, die die Banken bereits mit umfangreichen Sparprogrammen zu drücken versuchten.

Steigende Risiko-Vorsorge belastet

Dazu komme als Belastungsfaktor die angesichts der Probleme vieler Firmen vermutlich steigende Risikovorsorge der Geldhäuser. "Die Banken sind nicht mehr bereit, jeden Kreditnehmer gegebenenfalls zu retten", sagte von Krüchten. Ein Aktienstratege bei einer deutschen Großbank sprach vom Modell eines Teufelskreises. Banken und Versicherungen hingen tatsächlich stark von der Entwicklung des Marktes in anderen Sektoren ab. Brächen die Kurse der Finanzwerte aber auf Grund der anhaltenden Schwäche in diesen Sektoren ein, drücke dies auch den Gesamtmarkt immer weiter. Inwieweit Banken und Versicherer als Halter großer Aktienpakete derzeit am Markt aber auch als Verkäufer aufträten und damit möglicherweise ebenfalls zu den Kursverlusten beitrügen, vermochte der Experte nicht einzuschätzen.

Experten: Kursverluste übertrieben

Die derzeitigen Kursverluste an den Aktienmärkten und insbesondere bei den Finanztiteln nannte Bankenanalyst Konrad Becker von der Privatbank Merck Finck & Co in München "ganz klar eine Übertreibung". Rational seien diese Kursbewegungen nicht mehr zu begründen. "In einem derartigen Sentiment wird aber jede Nachricht negativ interpretiert", sagte Becker mit Blick auf die Verunsicherung über weitere mögliche Firmenpleiten oder Bilanzskandale. Auch nach Einschätzung von Krüchtens haben die derzeitigen Kurse deutscher Banktitel nichts mehr mit der Realität zu tun. "Die Investoren gehen im Hinblick auf die Marktentwicklung von einem Worst-Case-Szenario aus", sagte der Analyst. Damit sei aber nicht zu rechnen und sofern sich die Ertragslage der Banken wieder bessere, könnten die bereits eingeleiteten Kostensenkungsmaßnahmen - wie etwa bei der Hypo-Vereinsbank - zusätzlich zu einem starken Hebel werden.

"Der Markt hat aber einen sehr kurzen Zeithorizont", sagte von Krüchten weiter. Langfristige Entwicklungen würden daher derzeit nicht berücksichtigt. In Panik drücke der Markt die Aktienkurse weiter nach unten, die schwach aussähen und deutsche Banken zählten zu dieser Kategorie.

Bei den Versicherungen ist die Verknüpfung mit dem Markt nach Einschätzung der Experten noch deutlicher: "Ein Hauptgeschäftszweck von Versicherern ist die Kapitalanlageverwaltung", sagte von Krüchten. Ein Aktienbesitz gehe damit selbstverständlich einher und angesichts der Lage am Markt befänden sich Versicherer zwangsläufig in einer unangenehmen Situation. Wegen ihrer starken Versicherungsaktivitäten stünden daher neben den deutschen Werten auch die Aktien niederländischer Banken unter Druck.

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