Marktführer Preussag darf die absehbare Krise im Tourismusgeschäft nicht länger verschweigen
Sonnige Reiseprognosen führen Aktionäre in die Irre

"Terror gegen Touristen" titelt das Nachrichtenmagazin "Spiegel" in dieser Woche. Das Boulevardblatt "Bild" empört sich nach dem Anschlag auf der tunesischen Ferieninsel Djerba über "Terror-Wahnsinn".

DÜSSELDORF. Und selbst Tourismusprofessor Karl Born, ein früherer Manager des Reiseveranstalters TUI, warnt in der neuen Ausgabe der "Zeit": "Terror ist heute grenzenlos und könnte ein dauerhafter Begleiter unseres Reisens werden." Für eine Gute-Laune-Branche, die überaus sensibel auf jedes Unheil reagiert, sind derartige Schlagzeilen schockierend.

Der populäre Industriezweig, der inzwischen 2,8 Millionen Menschen in Deutschland Arbeit gibt, steht vor seiner größten Bewährungsprobe. Geradezu euphorisch sind die deutschen Konzerne Preussag (TUI) und Thomas Cook in der Vergangenheit gewachsen - bis hin zur europäischen Marktführerschaft. Jetzt aber droht ihnen der Rückwärtsgang: Viele Millionen Hotelbetten sind für den Sommer wieder fein hergerichtet, die Charterflugzeuge stehen bereit, doch die werte Kundschaft droht diesmal verstärkt zu Hause zu bleiben. Balkonien statt Ballermann - darauf ist die Wachstumsbranche Tourismus kaum eingerichtet. Selbst die größten Optimisten müssen sieben Monate nach dem Beginn des Terrors in den USA einsehen: Die Krise ist in der Reisebranche angekommen. Noch immer lägen die Buchungseingänge knapp zweistellig im Minus, heißt es bei Analysten. Ob in Deutschland, Frankreich oder England: Die Urlauber zaudern, und Mitarbeiter der Reisebüros sind derzeit in erster Linie damit beschäftigt, die immer neuen Preisaktionen der Veranstalter in ihre Computer einzuspeisen: Schnäppchenpreise, Frühbucherrabatte, "Kindergeld" - die Köder sind ausgelegt. Anbeißen wollen die wenigsten.

In den Bilanzzahlen 2001, die Preussag-Chef Michael Frenzel am heutigen Donnerstag vorlegen wird, sind die Folgen des 11. Septembers noch nicht gravierend: Als der Einsturz des World Trade Centers das vorübergehende Ende der Spaßgesellschaft markierte, war die mit zwei Dritteln Umsatzanteil entscheidende Sommersaison bereits zu einem Großteil verbucht. Auch über den Winter kamen die Reiseveranstalter noch mit einem blauen Auge davon, weil sie in ihrer Branche erstmals seit Jahren den Rotstift zückten: Das einstellige Umsatzminus konnten TUI, Thomas Cook und Co. durch eilig ausgerufene Sparprogramme ausgleichen.

Das laufende Jahr indes hinterlässt selbst bei erfahrenen Tourismus-Managern zunehmend ratlose Gesichter. Ostern ist längst vorbei, und noch immer haben Millionen von Deutschen keinen Sommerurlaub gebucht: "Das gab?s noch nie", schüttelt die gesamte Reisebranche entnervt mit dem Kopf. Wahlweise wird die Buchungsmisere im Land mit schwacher Konjunktur, der Angst um Jobverlust, der Euro-Umstellung oder mit dem schlagzeilenbestimmenden Terror begründet. Eine genaue Antwort auf die anhaltende Buchungsflaute aber weiß keiner. Klar ist inzwischen nur: Die Reiseindustrie mag einigermaßen resistent gegen konjunkturelle Krisen sein, nicht aber gegen weltweite Terrorangst. Der jüngste Anschlag auf Djerba, der 16 Menschen - darunter elf deutschen Touristen - das Leben kostete, hat die Verunsicherung in der Branche weiter verstärkt.

Stefan Pichler, Vorstandschef von Thomas Cook, hat einen heiteren Reisesommer 2002 deshalb bereits abgeschrieben. Zwar hofft er wie die gesamte Branche noch auf viele kurzentschlossene Bucher, doch der geordnete Rückzug ist bei der gemeinsamen Tourismus-Tochter von Lufthansa und Karstadt-Quelle längst im Gange. Um nicht mit leeren Chartermaschinen in den Urlaub zu fliegen, storniert Thomas Cook bereits seit Ostern fleißig Flugsitze. Die Wettbewerber reagieren ähnlich: Auch Rewe, FTI und andere Veranstalter nehmen Kapazitäten aus dem Markt und verhandeln mit Hoteliers über zusätzliche Preisnachlässe.

Die gesamte Branche zittert, doch ausgerechnet der Marktführer Preussag schweigt bisher beharrlich. Vorstandschef Michael Frenzel hat die Devise ausgegeben, die Reiselust der Kundschaft durch das Verbreiten schlechter Nachrichten nicht noch weiter zu vermiesen. Das allerdings ist ein riskantes Poker, bei dem der Konzern allmählich seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. So verständlich das Anliegen der Preussag sein mag, wie gewohnt den sorgenfreien, perfekten Urlaubstraum zu verkaufen, so sehr haben die Aktionäre ein Recht darauf zu erfahren, wie sich Europas Nummer eins für die sich abzeichnende Krise im Tourismusgeschäft wappnet.

Zwar sind Analysten noch immer zuversichtlich, dass es nicht zu einem Buchungsdesaster im Sommer kommen wird. Doch die Aussichten für eine "Aufholjagd", wie sie Frenzel noch im März auf der Tourismusmesse ITB proklamierte, werden trüber und trüber. Der Preussag-Chef wird heute zurückrudern müssen.

Die Verbindung zwischen Tourismus und Terrorismus schockt die Branche.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%