Marktstrategen raten zu "einfachen" Investments
Ehrlich währt am längsten

Nach dem Enron-Skandal entdecken die US-Unternehmen alte Tugenden: ungeschminkte Bilanzen und nüchterne Kalkulationen. Die Anleger sind verunsichert und nachhaltig verstimmt. Doch die Läuterung und Auslese am Markt bieten langfristig orientierten Investoren neue Chancen.

NEW YORK HB Die Läuterungswelle hat begonnen. Nach dem Konkurs des Enron-Konzerns und den Enthüllungen seiner bizarren Bilanzpraktiken geben US-Firmen reihenweise Verbesserungen ihrer Zahlenwerke bekannt. Vom Computerhersteller IBM bis zur Donut-Kette Krispy Kreme, von Getränkekonzern Pepsico bis zum Medienriesen AOL: Alle wollen künftig klarer und transparenter bilanzieren, um das Vertrauen ihrer Investoren zurückzugewinnen. Das ist aber vorerst gründlich erschüttert.

Seit dem vorläufigen Höhepunkt der Aktienkurse am 4. Januar bewegen sie sich im Zickzack abwärts. Dabei wurde auf den US-Märkten ein Kapital von etwa drei Billionen Dollar vernichtet. "Das ist vor allem Enron zuzuschreiben", glaubt Ökonom Steven Wieting von der Investmentbank Salomon Smith Barney. "Die Anleger haben schlichtweg Angst." Marktstratege Alan Ackerman vom Brokerhaus JW Seligman sagt: "Die wenigen guten Konjunkturnachrichten reichen bei weitem nicht, um die negative Stimmung der Anleger zu überwinden."

Die Wertpapieraufsicht SEC und der Brokerverband NASD haben inzwischen ebenso wie Parlamentarier Reformvorschläge zum Rechnungslegungssystem GAAP (Generally Accepted Accounting Principles) gemacht. Danach sollen Informationen schneller und wahrheitsgetreuer wiedergegeben werden. Zudem soll die Öffentlichkeit von Pro-forma-Zahlen verschont werden, mit denen Firmen oft phantasievoll ihre Gewinne geschönt haben. Stattdessen soll in den Quartalsberichten stehen, was tatsächlich unter dem Strich übrig bleibt. Zwar dürften dann die Gewinne niedriger ausfallen, vor allem bei Technologie- und Telekomaktien, doch das dürfte Investoren weniger stören als die bisherigen Tricksereien, glaubt Marktstratege Chuck Kadlec vom Brokerhaus J&W Seligman. "Bei komplexen Bilanzkonstruktionen verlangen Investoren inzwischen eine Risikoprämie", pflichtet sein Kollege Ackerman bei.

So ändern US-Konzerne im Eiltempo ihre Bilanzierungspraxis. Der Computerhersteller IBM etwa will künftige Gewinne aus Investitionen nicht mehr mit den Kosten aufrechnen und klarere Auskünfte zu der Verrechnung von Gewinnen aus den Pensionsfonds geben. Die Finanzgruppe PNC korrigiert ihre Gewinnzahlen nach unten, weil sie zu hohe Erlöse aus dem Verkauf einer Hypothekenbank angesetzt hat. Technologiekonzerne wie AOL, Solectron und Xilinx wollen auf die frei gestaltete Darstellung von operativen Gewinnen ganz verzichten und künftig ihre Quartalszahlen nur nach GAAP- Standards veröffentlichen.

"Das Misstrauen der Anleger ist die beste Kontrolle", interpretiert Kadlec den Trend zur Ehrlichkeit. Wann die "Enronitis" ausgestanden sei, sei aber schwer zu sagen. "Die Anleger vermeiden alles, was kompliziert erscheint. Doch manche Unternehmen sind nun mal komplex", stellt Ackerman fest.

Kadlec gibt sich optimistisch: "Bald werden die Gewinne wieder nach oben gehen. Die Rechnungslegungsskandale treten dann in den Hintergrund." Kadlec rechnet damit, dass der Konjunkturaufschwung rascher vonstatten geht, als viele glauben. Die Lagerbestände der Industrie seien nämlich so drastisch reduziert worden, dass sie nicht mehr weiter abzubauen seien. Allerdings dürfe die Nachfrage nach Konsumgütern nicht mehr weiter sinken.

Nach dem Rückgang der Unternehmensgewinne um 20 Prozent im vergangenen Jahr erwartet auch Bilanzanalyst Chuck Hill vom Finanzinformationsdienst Thomson First Call eine Wende. Er schätzt, dass die Gewinne im ersten Quartal nochmals um etwa 15 Prozent schrumpfen, im zweiten Quartal aber schon um ein bis zwei Prozent steigen; im dritten und vierten Quartal könne es schon zweistellige Zuwachsraten geben.

Was sollen Investoren jetzt tun? Die Vertrauenskrise nutzen, um Aktien günstig zu kaufen, oder noch warten, bis die Kurse sich stabilisiert haben und die Konjunkturbelebung sich deutlicher abzeichnet? "Es kommt auf den Zeithorizont an", meint Kadlec. Wer sein Geld kurzfristig brauche, sollte es lieber im Geldmarkt halten. Doch wer es länger anlegen wolle, solle jetzt in Aktien gehen und die Anlage breit streuen. "In den nächsten fünf Jahren werden wir überdurchschnittliche Gewinnzuwächse haben", meint Kadlec. Damit gehört er zu den Optimisten an der Wall Street.

Marktstratege Ackerman setzt auf bewährte Tugenden: "Ich rate nur zu Investitionen, die einfach sind: eine gute Marke, globale Präsenz und verständliche Bilanzen." Dazu zählt er den Barbie-Puppen-Hersteller Mattel oder den Kosmetikkonzern Avon. Auch Rüstungskonzerne dürften eine gute Kursentwicklung haben. "Doch die sind schon wieder zu kompliziert."

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