Marktteilnehmer fordern Konsolidierung
Börsenfusionen bleiben in Europa weiter schwierig

Grenzüberschreitende Fusionen von Börsenbetreibern in Europa bleiben nach Einschätzung von Analysten weiterhin schwierig.

Reuters FRANKFURT. Die von Marktteilnehmern geforderte Konsolidierung der zerklüfteten Branche wird daher im kommenden Jahr aus Sicht der befragten Experten eher auf andere Weise vorankommen. "Wer wird Partner von Madrid und Mailand?", lautet aus Sicht von Heiko Frantzen, Analyst bei Sal. Oppenheim, die als nächstes zu beantwortende Frage. Bevor die zwei der großen Drei der Branche, Deutsche Börse (DBAG), Euronext und London Stock Exchange (LSE) zusammengingen, sei außerdem zunächst mit einer Konsolidierung auf der Ebene der Abwicklungsgesellschaften zu rechnen, sagen Branchenkenner.

Einig sind sich die Analysten darüber, dass es bei derzeit 20 Börsenplätzen in Europa in der Zukunft zu Zusammenschlüssen und Partnerschaften kommen wird. Schließlich verlangten international operierende Anleger nach günstigeren Preisen und hoher Liquidität in allen Aktien. An die schnelle Bildung einer einzigen europäischen Börse glaubt aber - anders als zur Zeiten der letztlich gescheiterten Fusionsverhandlungen zwischen der DBAG und der LSE im Jahr 2000 - niemand mehr. "Eine einheitliche Börse in Europa wird es vor fünf bis sechs Jahren nicht geben", schätzt Frantzen.

Auch Johannes Thormann, Analyst bei der WestLB, ist skeptisch: "Die Frage ist, ob diese Größe überhaupt beherrschbar wäre?" Außerdem sei Wettbewerb wichtig für niedrige Preise und größere Effizienz, sagte Thormann. Christian Diebitsch von BNP Paribas geht für die Zukunft einschließlich der großen Drei von fünf bis sechs Handelsplätzen in Europa aus.

Für die DBAG wäre es aus Sicht von Frantzen wichtig, über Partnerschaften Liquidität auf ihr elektronisches Handelssystem Xetra zu bekommen, das schon die Börsen in Wien und Dublin nutzen. Für Branchenbeobachter könnte dies ein Weg für die DBAG sein, in Europa Marktanteile zu gewinnen, ohne eine teure und schwierige Fusion eingehen zu müssen. Erfolgreich vorgeführt wurde dies bereits bei der Einführung von Börsensegmenten für Aktien aus Amerika (US-Stars) und aus den Niederlanden. "Das ist ein preiswerterer Weg (als eine Fusion) in anderen Märkte hineinzugehen", sagte Thormann.

Frantzen erwartet zunächst eine weitere Konsolidierung der Branche im Bereich der Abwicklungsgesellschaften. Es sei bei 20 bis 25 solcher Institute in Europa auf eine Schrumpfung vielleicht auf zwei bis drei zu erwarten, die dann über Preis und Leistungsfähigkeit mit einander konkurrierten. Die Entstehung eines einzigen Anbieters für ganz Europa hält er jedoch auf mittlere Sicht für unwahrscheinlich. Die großen Banken seien schließlich an Wettbewerb in diesem Sektor interessiert.



Große Fusionen nicht ausgeschlossen

Derzeit steht die Deutsche Börse in exklusiven Verhandlungen zur vollständigen Übernahme der Abwicklungsgesellschaft Clearstream, an der sie bereits 50 % hält. Der zweite große Anbieter in diesem Markt, Euroclear, arbeitet nach eigenen Angaben derzeit mit der LSE und dem Konkurrenten London Clearing House (LCH) an einem Buchungssystem für Aktiengeschäfte, das den grenzüberschreitenden Handel vereinfachen soll.

Ausgeschlossen sind aber Fusionen oder Allianzen unter den großen Handelsplatzbetreibern aus Sicht von Branchenbeobachtern im nächsten Jahr nicht. Sie verweisen darauf, dass die LSE ziemlich isoliert dasteht, nachdem sie die das Bietergefecht um den Handelsplatz für Derivate Liffe gegen Euronext verloren hatte. LSE-Vorstandschefin Clara Furse hatte nach dieser Entscheidung in einem Interview mit Reuters eine Allianz mit der DBAG nicht ausgeschlossen.

BNP-Analyst Diebitsch nennt in seiner jüngsten Studie drei Voraussetzungen für eine grenzüberschreitende Fusion: Die Aktionäre der Börsen müssten einen Sinn in einem Anteilsverkauf sehen, der in einem Gewinn an Liquidität im Handel oder in einer breiteren Produktpalette der neuen Börse bestehen könne. Des Weiteren müssten die Marktregularien und die Gesetzgebung vereinheitlicht werden. Bei der Realisierung der im Jahr 2000 gescheiterten Fusion von LSE und DBAG hätte es zu der paradoxen Situation kommen können, dass die Aktien einer deutschen Gesellschaft mit hauptsächlich deutschen Anteilseigner nach britischen Recht gehandelt worden wären. Außerdem sei eine Vereinheitlichung der Technologie notwendig. So sei die Verbindung DBAG/LSE nicht zuletzt daran gescheitert, dass die Aktionäre beider Seiten zuvor große Summen in die jeweiligen elektronischen Plattformen investiert hätten, von denen eine dann hätte aufgegeben werden müssen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%