Marktwirtschaft: Ordnungspolitik im Handelsblatt: Shareholder-Value vor Gericht

Marktwirtschaft: Ordnungspolitik im Handelsblatt
Shareholder-Value vor Gericht

Schnelle Riesenprofite erwirtschaften - das war die Devise vieler Unternehmen in den Zeiten des Aktienbooms. Jetzt ist der Katzenjammer groß.

Zunächst waren es die Lichtgestalten der New Economy, die mit fragwürdigen Aktionen gegen den Abstieg in die Finsternis kämpften und ins Visier der Staatsanwälte gerieten oder sich vor Gericht verantworten mussten. Die Brüder Haffa, die wohl versucht haben, die tatsächliche Lage zu Gunsten des Aktienkurses von EM.TV zu schönen; Comroad-Chef Bodo Schnabel, der Umsätze frei erfunden hat; Flowtex-Chef Manfred Schmider, dessen luxuriöser Lebensstil den Gewinnen zu weit vorauseilte, und der notorische Hochstapler Kim Schmitz, der den Wirtschaftsbetrug als zeitgemäße Form des Ganoventums begreift.

Neuerdings aber liest sich die Liste der angeklagten Manager wie das Who is Who der Dax-Unternehmen: SAP, Telekom, Deutsche Bank, Tui, MLP; hinzu kommen die verdienten Ehemaligen von Mannesmann. Sind Deutschlands Manager korrupt, Staatsanwälte - wie offensichtlich im Fall Hopp - übereifrig oder Richter voreingenommen, ist das öffentliche Klima von Neid vergiftet?

Tatsächlich steht die Umorientierung in der Unternehmensführung vor Gericht, wie sie im Gefolge der Shareholder- Value-Debatte vorangetrieben wurde. Zur Entlastung kann vorgebracht werden: Erst im Zuge dieser Neuorientierung wurde die Deutschland AG wenigstens teilweise entflochten, wurden die Unternehmen für ihre Eigentümer, die Aktionäre, transparenter. Nicht mehr ein kleiner Kreis von Top-Managern in verschworener Runde monopolisiert Entscheidungen. Der Fall Mannesmann lehrt: Beschlüsse der Top-Etagen werden kritisch durchleuchtet: Zunächst hat ein Frankfurter Anlegerblatt darüber berichtet, dann haben Aktionäre geklagt und die Staatsanwälte so zum Ermitteln gezwungen. Dieser Mechanismus - Medienbericht und Aktionärsklagen - zwingt die bis dato autokratisch geführte MLP AG zur Offenlegung und hat die sonst so gefällige Bonner Staatsanwaltschaft gezwungen, die Geschäfte des früheren Chefs der Deutschen Telekom, Ron Sommer, bei Immobilienbewertungen und Börsengängen zu den Akten zu nehmen. Die Aktionäre seien dumm und frech, soll der legendäre Bankier Carl Fürstenberg gesagt haben; dumm, weil sie den Unternehmen ihr Geld anvertrauen, frech, weil sie Dividende wollen. Im Zuge der Shareholder-Value-Debatte sind Aktionäre renitent und selbstbewusst geworden - die sie vertretenden Pensionsfonds haben die alte Machtverteilung zu ihren Gunsten verändert.

Belastend wirken die Schattenseiten des Shareholder-Values: Quartalsberichte wurden zum Maß der Wirtschaft, kurzfristige Kurssteigerungen Pflicht. Manager reagieren auf ihre Weise: Wer innerhalb weniger Monate den Aktionären Milliarden in die Depots schaufelt, will davon Millionen in die eigene Tasche abzweigen - zumal dann, wenn dabei der eigene Job verloren geht wie im Fall Esser. So schlicht und keinen Deut beschönigend lautet die Begründung, die der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, für diese Selbstbedienungsmentalität nachgeliefert hat. Denn bei der noch urdeutschen Mannesmann AG fehlte ein wichtiges Element des Shareholder-Values, weshalb in einer Art außerplanmäßiger letzter Ölung die Belohnung nachgeholt werden musste: Es geht um Stock-Options.

Sie wurden erfunden, um Kursgewinne in Managerentlohnung umzumünzen und um die Manager zur Leistung anzuspornen. Zunächst in den USA, wo der Chef von General Electric, Jack Welch, mit mehreren Hundert Millionen Dollar in den Ruhestand ging; dann auch in Deutschland. Dass die Aktienoptionsprogramme von Daimler und Telekom noch nicht zu ähnlichen Phantasieentlohnungen geführt haben, liegt nur daran, dass im Zuge der Börsenkrise oder wegen offensichtlicher Managementfehler die Kurse schneller in die Tiefe gerauscht sind, als die Ausübungsschwellen gesenkt werden konnten.

Aber nicht nur um Phantasieentlohnungen geht es. Viel gefährlicher an diesem Konzept ist, dass nicht mehr die langfristige Vision, Investition und Unternehmensentwicklung entlohnt wird, sondern der schnelle Gewinn bringende Deal. Denn der große Deal, von dem Stock- Options-geprägte Manager träumen, der sofort Gewinn bringende Kauf oder Verkauf, treibt die Kurse und spült Cash in die Taschen. So weit die Theorie. Fasziniert davon, haben die deutschen Großbanken das mühselige Geschäft mit Krediten und Kunden aufgegeben und nach dem Vorbild von Goldman Sachs das Investment-Banking zum Geschäftsmodell erhoben. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Geblieben sind allenfalls ansatzweise Traumgehälter für die Vorstände - und Banken, die hart mit den so aufgehäuften Verlusten zu kämpfen haben.

Ordnungspolitisch bedenklich ist die aktuelle Wendung der Unternehmensordnung. Es ist ein Stück aus dem sozialistischen Lehrbuch "Staatsmonopolistischer Kapitalismus", wenn Josef Ackermann in der einen Woche die Privatisierung von Kursgewinnen in den Taschen der Mannesmänner rechtfertigt und in der nächsten bislang undementiert die Sozialisierung der Verluste in einer staatlich subventionierten "Bad Bank" fordert.

Jetzt sollen Gerichte aufklären, wo die Milliarden geblieben sind, die der Shareholder-Value zuerst erzeugt und dann vernichtet hat. Es wird nicht viel dabei herauskommen außer einer nostalgischen Rückbesinnung auf den Rheinischen Kapitalismus und den Staatsinterventionismus. Im Übrigen haben auch Manager das Recht, nicht als Vorverurteilte behandelt zu werden. Andererseits produziert nicht jeder Freispruch einen Ehrenmann - Kuhhandel vor Gericht und Lücken im Gesetz und bei seiner Anwendung führen zu Freisprüchen für Praktiken, die mit den Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns nicht vereinbar sind.

Bleibt zu hoffen, dass dabei die unternehmenswertorientierte Unternehmensführung als Ideal des Shareholder-Value- Gedankens eine neue Chance bekommt - sonst werden Deutschlands Anleger noch ärmer.

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