Marsh on Monday
Asiatische Osmose

Sie sind Thema des Tages, wenn nicht des Jahrhunderts: die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Herausforderungen für den Westen, die durch den neuen Aufstieg von China und Indien verursacht sind. Sie versetzen so manche in Hysterie oder Pessimismus. Doch derart schwarz zu sehen ist schlichtergreifend falsch.

Ein britisches Kabinettsmitglied etwa behauptete jüngst, im Jahre 2050 würden angesichts der neuen Weltführung durch die zwei asiatischen Nationen und die USA nur noch diejenigen Briten eine berufliche Perspektive haben, die Jobs als Türsteher akzeptieren, oder Chinesisch sprechende Wissenschaftler.

Das sind alles Hirngespinste. Derart schwarz zu sehen ist verführerisch, aber auch eben so falsch, wie wenn man 1945 gesagt hätte, dass im Deutschland der 90er-Jahre nur Amerikanisch sprechende Butler oder Lucky-Strike-Verkäuferinnen einen Job haben werden. Die wachsende Konkurrenz aus Asien ist kein Todesurteil. Sie gibt vielmehr Europa die Chance, sich auf die eigenen Fähigkeiten zu besinnen und sie weiterzuentwickeln.

Längst ist die Wirtschaftsverbindung mit Asien keine Einbahnstraße mehr. Der Kostenvorsprung Chinas und Indiens ist zwar nach wie vor vorhanden, er wird aber geringer. Europa kann ihn durch Faktoren wie eine stärkere Produktivität oder verbesserte Dienstleistungen wettmachen. Auch geht die Ausgliederung von Firmenaktivitäten zwischen Europa und Asien in beide Richtungen. Längst kaufen nicht mehr nur europäische oder amerikanische Konzerne Unternehmen und Marktanteile in Asien ein, inzwischen bauen Chinesen und Inder kräftig ihre Investitionen in den westlichen Ländern aus. Dabei müssen die Asiaten genau die gleichen kapitalistischen Spielregeln respektieren – vom Schutz des intellektuellen Eigentums bis hin zur Freiheit der Kapitalströme –, wie sie westliche Firmen in Asien einfordern. Tun sie dies nicht, dann drohen auch China und Indien wirtschaftliche Nachteile.

Die immer intensiver werdenden Wirtschaftsverflechtungen fördern eindeutig die Übertragung marktorientierter Ansätze in die alten und neuen asiatischen Spitzennationen – eine Osmose an Ideen und Werten zwischen Ost und West. Es ist ein manchmal schmerzvoller Weg mit vielen Wendungen. Aber er führt auch für den Westen zu einem erstrebenswerten Ziel.

David Marsh ist Berater und Banker in London

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