Marsh on Monday
Auf die Sprach-Barrikaden

Mit einer deutlichen Aktion hat Frankreichs Staatspräsident Chirac die tiefsitzende französische Aversion gegen die angelsächsische Wirtschaftssprache zum Ausdruck gebracht. Doch bevor das Beispiel Schule macht, sollten besonders die französischen Kritiker noch einmal genauer hinhören.

Ein eleganter Wirtschaftsfunktionär fängt vor erlesenem Publikum seine ökonomisch gut fundierte Ansprache auf vorzüglichem Business-English an. Da steht ein älterer Herr aus den vorderen Reihen auf und verlässt abrupt den Raum. Emotionale Überhitzung, plötzlicher Handy-Alarm, improvisierter Toilettenbesuch? Nichts dergleichen: Eher die vermeintlich wohl überlegte Reaktion des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac auf eine von einem Landsmann in internationaler Sprache gehaltene Rede beim jüngsten EU-Gipfel. Die Episode unterstreicht wie auch andere Beispiele eine tiefsitzende französische Aversion gegen dem imperialistischen, inzwischen den ganzen Erdball umfassenden Aufmarsch der angelsächsischen Wirtschafts- und Finanzkultur.

Aber halt! Il ne faut pas exagérer, Monsieur le Président! Ihr Affront ist sans doute etwas affektiert! Fernab der realitätsfremden Welt der Staatsdiplomatie sollten Sie dem Fußvolk des modernen Finanzwesens einen Besuch abstatten in Devisensäälen, Handelsetagen und Sitzungsräume der Banken. Da wo man von Kontingentierung und Courtage parliert, von Provisionen und Performance, von Aktien, Diskont, Investitionen und Reserven. Da werden Sie konstatieren, dass der Löwenanteil der tagtäglich verwendeten Begriffe der Weltfinanz den romanischen Sprachen entlehnt ist. Für die kontinuierliche Repräsentation des Kulturguts der Grande-Nation ist also besten gesorgt.

Chirac stört offenbar, dass an den Märkten heutzutage Liquidité, Efficacité und Fungibilité höher bewertet sind als Liberté, Egalité, Fraternité. Aber er sollte sich wahrlich am sang-froid deutscher Manager ein Beispiel nehmen. Niemand aus dieser Ecke nimmt daran Anstoß, wenn in Vorträgen und Marktberichten von Analystentendenzen, Devisenbilanzen, Börsenhausse, Kursgarantien, Bonitätsfaktoren, Risikenbepreisung und weiteren hässlichen Auswüchsen der französisch-italienisch-lateinischen Sprachdominanz die Rede ist. Nie im Leben würden Herr Köhler oder Frau Merkel daran denken, die Banker auf die Barrikaden zu treiben! Sprachliche Resistenz, wenn überhaupt, kann subtiler sein. Schließlich müsste man auch auf die Engländer schauen, die 1066 von Normannen kolonialisiert wurden und anscheinend bis heute gut damit leben.

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