Marsh on Monday: Balkonia bildet

Marsh on Monday
Balkonia bildet

Gerade bei der aktuellen Diskussion um den Klimawandel erscheint die Zukunft der Reisebranche fraglich – statt aufwendiger Fernreisen droht Urlaub auf Balkonia. Geschäftlich gesehen muss dies nicht zwingend schlecht sein.

LONDON. Reisen bildet, aber gehen Gebildete heutzutage überhaupt noch auf Reisen? Vergangene Woche hat Karstadt-Quelle eine Fusion mit My Travel beschlossen. My Travel ist der Rivale des zunächst auf Großbritannien fokussierten, jedoch zunehmend international operierenden Tourismusbetreibers Thomas Cook. Der gehört wiederum zu Karstadt-Quelle. Die Reisebranche-Konsolidierung erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem der Klimawandel eine echte Bedrohung und gleichzeitig Herausforderung zu werden scheint. Viele der Möchte-Gerne-Weltreisenden könnten künftig dazu gezwungen werden, Urlaub in Blankenese statt Bangkok zu machen. Balkonia lässt grüßen.

Schlechtes Timing? Keineswegs. Thomas Cook wird an der London Stock Exchange notiert. Der Vorstandsvorsitzende Manny Fontenla-Novoa steht unter dem Druck seiner Aktionäre und von Investoren und muss neue gewinnbringende Geschäftsbereiche erschließen. Seine Strategie ist schlüssig. Er weist darauf hin, dass Dienstleistungsfirmen, die sich auf eine betuchte, aber anspruchsvolle Kundengruppe wie 50-plus spezialisiert hat – eine breite Palette an Versicherungs-, Investment- und Touristiklösungen anbieten müssen. Solche Überlegungen stellen eine Rückkehr zu den historischen Wurzeln dar. Denn immerhin war Thomas Cook bei Reiseschecks Pionier.

Auf vielfache Weise kann die Thomas-Cook-Marke den Bestimmungen und Bedürfnissen einer virtualisierten Welt angepasst werden – etwa indem es Urlaubsfilme und elektronische Simulationen für diejenigen anbietet, die nicht mehr so reiselustig sind, weil sie sich den Tücken der Kohlendioxidemissionen bewusst sind. So könnten sie von komfortablen Fernsehhockern aus ihr Fernweh stillen. Durch preiswerte Internet- und Videotelefonverbindungen sind sie in der Lage, rund um die Uhr mit dem Ausland zu kommunizieren. Die freigesetzten Ersparnisse werden dann umweltschonend in Thomas-Cook-Nicht-Reisefonds angelegt.

Eine solche Strategie ginge mit den Grundüberzeugungen des Firmengründers völlig konform. Als passionierter Baptist und Vorreiter der religiösen Abstinenzbewegung des 19. Jahrhunderts müsste der ursprüngliche Thomas Cook sich zum Slogan des neuen Zeitalters bekennen: Um den Globus zu retten braucht man ihn nicht zu bereisen.

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