Marsh on Monday
Belastende Umverteilung

Unter Margaret Thatcher wurden Mieter von Sozialwohnungen in stolze Eigentümer verwandelt. In der Zwischenzeit hat unter den Immobilienbesitzern der Wohlstand massiv zugenommen. Damit hat sich aber auch die Schere zwischen den ärmeren und den reicheren Briten beachtlich ausgeweitet.

LONDON. Eine grundsätzliche Zielvorgabe der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher bestand darin, Großbritannien als „Demokratie der Hausbesitzer“ zu festigen. So wurden in den 1980er-Jahren auf millionenfache Weise durch preiswerte Immobilienprivatisierungen Mieter von Sozialwohnungen in stolze Eigentümer verwandelt. Den gleichen Effekt hatte die Bankenderegulierung. Diese führte dazu, dass Wohnungsfinanzierungsangebote auch für weniger betuchte Bevölkerungsschichten sprunghaft stiegen.

Thatchers Hauptannahme: dass ein vornehmlich aus Eigentümern bestehendes Wahlvolk besser dagegen gefeit ist, die Labour-Partei mit der Regierungsverantwortung zu vertrauen. Eine Leitidee, die nicht aufgegangen ist, denn die Mitte-Links-Partei regiert schon seit zehn Jahren.

In der Zwischenzeit hat unter den Immobilienbesitzern der Wohlstand massiv zugenommen, zumindest auf Papier. Binnen 15 Jahren verdreifachten sich die Hauspreise, im Gegensatz zur Stagnation in Deutschland. Damit hat sich aber die Schere zwischen den ärmeren und den reicheren Briten beachtlich ausgeweitet, mit nachhaltig negativen Folgen für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft.

Zur Finanzierung ihres Ruhestandes verkaufen etablierte Wohnungseigentümer ihre Immobilien nach und nach an die jüngere Generation und nehmen dadurch große Gewinne aus der Immobilienhausse mit. Laut Analyse von Martin Weale, des Leiters des Forschungsinstituts National Institute for Economic and Social Research, führten seit 20 Jahren solche Transaktionen zu Transferleistungen in Höhe von 1,5 Billionen Pfund von den schlechter zu den besser verdienenden Briten. Diese Umschichtung in Höhe von vier Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts ist noch höher als die Transferleistungen während dieses Zeitraums zwischen Ost- und Westdeutschland.

Weale zufolge kommt die dadurch entstandene ökonomische Belastung einer massiven Erhöhung der öffentlichen Verschuldung gleich. Dies stellt eine abermalige Hypothek für die Zukunft dar. Tendenziell schlägt sich das Ausmaß der Ungleichgewichte in höheren Zinsen und weniger Arbeitsmarktflexibilität nieder – Handikaps auch für die ansonsten florierende City. Alles was am britischen Immobilienmarkt glänzt, ist sicherlich nicht immer Gold.

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