Marsh on Monday
Das Leid der Elite

Bis vor einigen Jahren war die Welt für Frankreichs junge Elite noch in Ordnung. Wer an einer guten Hochschule studierte, bekam später einen guten Job im eigenen Land. Doch bei der klassischen Karriereplanung hat sich einiges geändert. Und immer öfter sind in den Londoner Handelssälen französische Akzente zu hören.

Bis vor ungefähr 15 Jahren war die Welt für junge Franzosen noch in Ordnung. Wer konnte, besuchte die Elite-Hochschulen des Landes und strebte im Anschluss daran eine ordentliche Laufbahn im Dienste der Grande Nation an. Die akademischen Spitzenkader setzten ihre hoch anerkannten Studienabschlüsse geschickt als Karrieresprungbrett ein. Egal, ob bei der Eisenbahn, im Berg-, Hoch oder Tiefbau, in der Industrie oder der Staatsadministration. Die Studenten der berühmten Ecoles Polytechniques konnten sich stets über hoch dotierte Posten an den unterschiedlichsten Schnittstellen zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft erfreuen.

Seit einigen Jahren jedoch hat sich bei der klassischen Karriereplanung etwas geändert. Schuld an diesem Wandel ist unter anderem die Einführung des Euro, der von den Franzosen so heiß begehrten Einheitswährung. Damit verbunden war eine spürbare Gewichtsverlagerung in der europäischen Finanzbranche.

Die dadurch bewirkte Vertiefung und Verbreitung der Kapitalmärkte haben die Finanzmarkinnovationen einen kräftigen Schub verpasst, etwa bei der Schaffung neuer Instrumente wie Kreditderivaten. Davon begünstigt wurden weniger die Finanzplätze innerhalb des Euro-Raums, sondern vielmehr die Marktplätze außerhalb. Am meisten dürfte die Londoner City profitiert haben – nicht zuletzt wegen ihrer ausgezeichneten Finanzexpertise und ihrer langen Tradition als Finanzplatz.

So erklärt sich, dass in den Londoner Handelssälen der internationalen Banken häufig französische Akzente zu vernehmen sind. Doktoranden der Mathematik und des Ingenieurwesens, die in Paris, Lyon oder Toulouse aufgrund der Rationalisierungswelle in der Industrie oder im öffentlichen Dienst nicht mehr so einfach unterzubringen sind, haben sich an der Themse als ausgezeichnete Derivatehändler profiliert.

Eine Herausforderung für den neuen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, der bekanntlich keiner Eliteschule entstammt. Während seiner Wahlkampagne hat der Kandidat London besucht, um die vielen Auslandsfranzosen um ihre Stimme zu bitten. Jetzt müsste er als Staatsoberhaupt wieder kommen, um mit einer guten Wirtschaftspolitik, die dem Land entflohenen Eliten wieder zurück an die Seine zu locken.

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