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Das Pfund als Reserve

Als in den 60er-Jahren die hohen Pfund-Reserven ausländischer Notenbanken für die britische Volkswirtschaft zunehmend zur Last wurden, sprangen die Banken mit Krediten ein. Das reduzierte schlagartig die Bedeutung des Pfundes als Reservewährung gegenüber der D-Mark. Jetzt dreht sich der Spieß erneut um.

An die Problematik der so genannten Sterling Balances erinnern sich wahrscheinlich nur ausgetrocknete Währungshistoriker und Ruheständler aus dem Devisenhandel. In den 60er-Jahren wurden die hohen Pfund-Reserven ausländischer Notenbanken – ein Überbleibsel britischer Auslandsverpflichtungen nach dem zweiten Weltkrieg – für die britische Volkswirtschaft zunehmend zur Last.

Gelöst wurden die Schwierigkeiten schließlich durch Kreditoperationen internationaler Notenbanken, an denen auch die Bundesbank beteiligt war. Als Ergebnis reduzierte sich schlagartig die Bedeutung des Pfundes als Reservewährung. Statt Sterling bevorzugten die Notenbanker zunehmend die D-Mark, die rasch die Stellung als zweitwichtigste Reservewährung nach dem Dollar erlangte.

Jetzt dreht sich der Spieß erneut um. Die D-Mark ist Geschichte, der Euro hat inzwischen als offizielles Reservevehikel eine imponierende Rolle eingenommen. Darüber hinaus haben die Notenbanken, besonders diejenigen aus dem Euro-Raum, die ein Gegengewicht zum Dollar suchen, ihre Pfund-Reserven erheblich ausgeweitet. Einem IWF-Bericht zufolge haben sich die Sterling-Reserven in den vergangenen zwei Jahren auf 115 Mrd. Dollar verdoppelt.

Zusätzlichen Antrieb zu dieser Entwicklung lieferte die erstaunliche Stabilität der britischen Währung gegenüber dem Euro. Auf der Insel der Euro-Skeptiker hat sich scheinbar eine virtuelle Mitgliedschaft des Euros vollzogen. Die Schwankungsmarge des Pfunds zum Euro ist seit ungefähr vier Jahren minimal. Ausgedrückt in alten D-Mark-Notierungen, liegt der Kurs des Pfunds fest in der Nähe des ehemaligen Leitkurses des europäischen Währungsmechanismus aus den Jahren 1990 bis 1992.

So weit, so gut. Würde jedoch Großbritannien einer neuen Periode politischer Schwankungen anheim fallen, könnten die neu aufgeblähten Sterling-Reserven die währungspolitische Solidität gefährden. Genau so ein Schicksal hat das Land während der relativen politischen Instabilität vor in den 60ern erfahren. Jetzt beschleunigt sich das politische Aus für Tony Blair. Ein Zeitraum der politischen Unsicherheit bahnt sich an – und damit möglicherweise auch eine neue Episode in der langen Geschichte der Sterling Balances.

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