MARSH ON MONDAY
Der Retter ist nah

Noch nie in der britischen Geschichte wurde die Wahl eines Premierministers so lange vorbereitet und diskutiert. In einigen Monaten – möglicherweise in einigen Wochen – wird der neue britische Regierungschef tatsächlich auserkoren. Er heißt Gordon Brown und ersetzt Tony Blair. Brown hat viele Jahre auf diesen Tag gewartet.

Passend dazu hat der irische Dramatiker George Bernard Shaw einmal geschrieben: „Es sind zwei Tragödien im Leben. Die erste besteht darin, auf seinen Herzenswunsch zu verzichten; die zweite, ihn erfüllt zu sehen.“ Keine der beiden Varianten klingt sonderlich verheißungsvoll. Erinnern wir uns an Altkanzler Ludwig Erhard: Nach Jahren des Wartens trat er 1963 endlich die Nachfolge Konrad Adenauers an – mit mäßigem Erfolg. Nach nur dreijähriger Regierungszeit stellte sich Erhard die Frage, ob sich die Kanzlerschaft gelohnt habe.

Kaum vorstellbar, dass Gordon Brown derartige Selbstzweifel plagen. Nach fast zehnjähriger Amtszeit als Schatzkanzler geht er mit großem Selbstbewusstsein an die Arbeit heran. Ein Beispiel dafür: Zuletzt sickerte das Gerücht durch, dass das unter Browns Führung allmächtig gewordene Treasury in zwei Teile zerlegt werden soll. Nicht nur im Interesse einer besseren Effizienz, sondern auch, weil für den Premierminister im Wartestand langfristig keine rivalisierende Kraft entstehen soll.

Eine der ersten Amtshandlungen des frisch gebackenen Finanzministers Brown bestand nach dem Regierungswechsel 1997 darin, die Bank of England in die Unabhängigkeit zu entlassen. Eine keineswegs originelle Maßnahme. Aber sie hat sich inzwischen ausgezahlt. Nach ähnlichem Muster wird Brown in den Tagen nach seiner Amtseinführung als Premierminister eine Reihe wohl durchdachter und sorgfältig geplanter Schritte verkünden, um die Wettbewerbslage der Londoner City, die Schlagkraft der Wirtschaft, die Widerstandsfähigkeit der Industrie und die Ausbildung der Briten zu fördern.

Beim Wahlvolk soll der unverwechselbare Eindruck entstehen: Brown, der Retter ist da. Eine fröhliche Botschaft für die Vorweihnachtszeit 2006. Mal sehen, ob sie bis zum Advent 2007 anhält.

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