Marsh on Monday
Die City rätselt

Wenn große Berater aus der Rolle fallen, so liegt es nahe, nicht unbedingt einen peinlichen Aussetzer dahinter zu vermuten. Im Falle Lord Andrew Turnbulls und seiner herben Kritik am möglichen Premier Gordon Brown rätselt ganz London, was Turnbull mit seinen Aussagen bezweckt hat.

LONDON. Lord Andrew Turnbull, ehemaliger Spitzenmann des allmächtigen britischen Schatzamts, ist 2005 auf dem Zenit seiner Macht als Kabinettssekretär und höchster Beamter in der Regierungsmaschinerie in den Ruhestand getreten. Vor 18 Monaten, als der ehemalige britische Botschafter in den USA, Sir Christopher Meyer, seine Erinnerungen in burschikoser Buchform veröffentlichte, rief ihn Turnbull als oberster Aufpasser über die Beamtenmoral öffentlich zur Ordnung. Jetzt fungiert der 62-Jährige als Berater der Unternehmensberatung Booz, Allen, Hamilton. Schillernde Figur, graue Eminenz hinter den Kulissen: die Rollen hat Turnbull grandios gespielt. Bis Dienstag vorletzte Woche, als sich die Welt plötzlich änderte.

An diesem Tage hat die „Financial Times“ – kein regierungsfeindliches Blatt – ein Interview mit Turnbull veröffentlicht: eine Aufsehen erregende Botschaft. Er hat seinen ehemaligen Boss, Schatzkanzler Gordon Brown, der wahrscheinlich im Sommer nach dem programmierten Rücktritt von Tony Blair Premierminister wird, in verblüffend scharfer Form attackiert. Brown wurde „stalinistische Rücksichtslosigkeit“ vorgeworfen. Der Finanzminister habe „eine ziemlich zynische Auffassung von den Menschen und von seinen Kabinettskollegen“, die er routinemäßig heruntermache und „mit mehr oder wenig kompletter Verachtung“ bestrafe.

Turnbull protestiert, dass seine Anmerkungen aus dem Kontext gerissen worden seien. Aber kaum möglich, dass ein Mann von seinem Kaliber ganz unbedacht so ein Interview gibt. Drei mögliche Erklärungen: a) Eine echte Panne. Wenn Brown jetzt wie Stalin handelt, wird Turnbull schnell verschwinden und Booz, Allen, Hamilton kriegt keine Beratungsmandate mehr. b) Turnbull agiert als Intrigant im Dienste eines Brownschen Labour-Partei-Machtrivalen. Brown wird nicht Premierminister, Turnbull wird Finanzminister. c) Turnbull wird heimlich von Brown instrumentalisiert, um sein Image übertrieben zu verschlechtern, damit in einigen Monaten die große Überraschung perfekt wird. „New Brown“ tritt in Erscheinung als offener, konzilianter, charmanter Premierminister, der alle glücklich macht.

Die City rätselt weiter. Mal sehen, welches Ergebnis herauskommt.

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