Marsh on Monday
Die Macht im Osten

Innerhalb von rund fünfzig Jahren hat sich die ökonomische Weltkarte radikal verändert. Welches Ausmaß diese Neuordnung angenommen hat, wird anhand von drei aktuellen Fallbeispielen deutlich.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Polen östlicher, weil das Land unter die Fittiche der Sowjetunion kam, obwohl sich die polnische Staatsgrenze gen Westen verschob. Am Anfang des 21. Jahrhunderts wird die Welt westlicher, im Sinne der Dominanz eines von Amerika ausgehenden kapitalistischen Systems, obwohl die ökonomischen Gravitationszentren immer mehr gen Osten rücken.

Die Konturen der Neuordnung werden durch drei Ereignisse deutlich. Zum Ersten: Trotz Bedenken bedeutender westlicher Anleger will der staatliche russische Ölkonzern Rosneft den weltweit viertgrößten Börsengang aller Zeiten in London und Moskau durchziehen. Zum Zweiten: Trotz anfänglichen Widerstands europäischer Politiker wird der Stahlkonzern Arcelor durch den Weltaufsteiger Mittal Steel übernommen. Zum Dritten: Trotz jahrelanger Förderung durch Deutschland und Frankreich manövriert sich der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS auf Grund massiver Lieferschwierigkeiten für den neuen Airbus A380 in die Krise.

Was ist die gemeinsame Linie? Vor allem die Feststellung, dass die entscheidenden Faktoren immer mehr außerhalb der traditionellen Kreisläufe der Industrieländer zu finden sind. Beim Rosneft-Börsengang fällt das auf Besorgnisse über rechtliche Risiken zurückzuführende Fernbleiben wichtiger westlicher Anleger kaum ins Gewicht. Der Erfolg der Aktienemission wird eher von strategischen Investoren aus Russland, China oder Indien abhängen. Beim Übernahmepoker Arcelor-Mittal spielt Lakshmi Mittals Bereitschaft, seinen finanziellen Einsatz um 44 Prozent zu erhöhen, die maßgebliche Rolle – die vom französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac initiierte Gegenkampagne fällt ins Wasser. Die Schwäche der französischen politischen Führung wird auch durch den Streit über die EADS-Umbaupläne offenbart: Der französische Ko-Chef wird wahrscheinlich abgelöst, der Vorstand wird allein von einem Deutschen geführt. In der weltweiten Luftfahrtindustrie wird bisher die Musik prinzipiell von Europäern und Amerikanern gemacht. Wer kann aber ausschließen, dass in den kommenden Jahren Airbus und Boeing ihre Machtstellung an neue Konkurrenten aus Asien abgeben?

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