Marsh on Monday
Die wichtige Heimatfront

Amerikaner können manchmal besser als Europäer die Kluft zwischen Realität und Scheinwelt überbrücken. Das taten sie bereits bei der Schaffung des Europäischen Binnenmarkts und des Euros. Nun beobachten wir erneut amerikanischen Realitätssinn – beim Investment-Banking.

Mit der Schaffung des Europäischen Binnenmarkts und des Euros träumten viele in Europa von einer rosigen europäischen Bankenzukunft. Doch nicht europäische, sondern amerikanische Investmentbanken haben aus der Integration der europäischen Finanzmärkte den höchsten Gewinn gezogen. Die US-Institute – obwohl in den oberen Hierarchiestufen von Europäern kaum beeinflusst – sind eher in der Lage, zwischen Lissabon und Litauen starken Markenwert und schlagkräftige multikulturelle Profi-Mannschaften in Umsatz und Profitabilität umzumünzen.

Zielsicherer in der strategischen Ausrichtung sind die Amerikaner auch. Vor zehn Jahren hätte niemand vorhergesagt, dass die führenden Börsenplattformen in Europa unter die Ägide der Amerikaner geraten würden. Mit dem Heranrücken der New York Stock Exchange und der Nasdaq an Paris und London könnte jedoch genau dieses Ergebnis eintreten. Die europäische Zukunft hat sich in eine amerikanische Gegenwart gewandelt.

Nun beobachten wir erneut amerikanischen Realitätssinn. Im Investment-Banking-Geschehen der letzten Jahre hat London seine Marktstellung gegenüber New York stetig ausgebaut. Teilweise ist dies auf die intensiveren Beziehungen zu wachstumsstarken Volkswirtschaften außerhalb Europas zurückführen, teilweise auf die marktorientiertere Regulierung in Großbritannien. Jetzt hat sich der Oberpragmatiker Hank Paulson, ehemaliger Goldman-Sachs-Chef und seit Mai US-Finanzminister, für eine Kehrtwende ausgesprochen. Paulson, der sich offenbar in Nanjing heimischer als in Nebraska fühlt, mahnt eine Flexibilisierung der US-Kapitalmarktaufsicht an. Das teilweise seit den 30er-Jahren in einem bürokratischen Dickicht hängen gebliebene Regelwerk soll entschlackt und liberalisiert werden.

Just zu einem Zeitpunkt, wo die Amerikaner die europäische Finanzwelt erobern, wollen sie die Zukunftsfähigkeit ihres eigenen Finanzplatzes untermauern. Kein Paradox, sondern Realität: Denn die Amerikaner wissen, dass Wettbewerb und Wachstum zuerst und vor allem an der Heimatfront zu verteidigen sind.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%