Marsh on Monday
Ende einer Karriere

In der Bankerzunft liegen Triumph und Trauma dicht beieinander. Geldzählen erfordert Präzision, Geldmachen dagegen eine Mischung aus Fingerspitzengefühl und Brutalität. Wer in der Hackordnung befördert oder abgesägt wird, ist oft schwer zu kalkulieren.

In ähnlichen Dunkelzonen bewegen sich Politiker. Egal, wie oft sie angeben, mit fein ausgedachter Steuerungstechnik das Geschick des Landes und seiner Bürger zu lenken, stets sind sie der Macht der Willkür ausgesetzt. Strategische Richtungskompetenz anzubieten, ist eine Sache – sie im persönlichen Leben zielsicher einzusetzen, eine ganz andere. Genau wie bei Investmentbankern: Die imponierendsten äußerlichen Erfolgszeichen überdecken nicht selten eine tiefe innere Verwundbarkeit.

Ein solches, fast tragisches Schicksal erleidet in den letzten Wochen Tony Blair. Auf Druck des ewigen Thron-Prätendenten Gordon Brown musste der britische Premierminister widerwillig sein Abdanken für das kommende Jahr verkünden – ein Mann von Selbstbewusstsein und Sensibilität, der in seinen jüngeren Jahren an der Universität Oxford erfolgreicher Amateur-Schauspieler wurde, bevor er die Politik entdeckte. Blair fällt während seiner politischen Laufbahn ebenso oft durch Naivität wie durch Härte auf.

Blair hat sich stets für die Einführung von privatwirtschaftlichen Prozessen im öffentlichen Leben eingesetzt, etwa beim staatlichen britischen Gesundheitssystem. Im Gegensatz zu seiner Aura einer scheinbaren ökonomischen Professionalität, aber analog zu vielen Investmentbankern in exponierten Positionen, hat Blair keine richtige Nachfolgeplanung betrieben. Lange Zeit glaubte der am längsten amtierende Labour-Regierungschef der britischen Geschichte, dass der Dank der Partei und der Parlamentarier ihn vor Unheil und Ungemach schützen werde.

Wie ein Banker, der vor lauter Fokussierung auf den nächsten Deal die schwindende Unterstützung seines Vorstands übersieht, hat Blair die sich zu seinen Ungunsten bewegende politische Umgebung einfach ausgeblendet. Jetzt muss er in den Monaten vor seinem endgültigen Abgang retten, was zu retten ist. Zumindest sind seine Memoiren erheblich mehr wert als die von Investmentbankern.

gastautor@handelsblatt.com

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%