Marsh on Monday
Englische Inflation

Viele Engländer waren im vergangenen Sommer während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland unterwegs. Dabei fiel weniger das Rowdytum auf als vielmehr das schiere Wohlstandsgefühl, das die Fans ausstrahlten. Mehrere Wochen in einem fremden Land zu verbringen kostet Geld. Abstrus, aber wahr: Ein Grund, warum sich so viele Briten wochenlang von Herd und Heimat absetzen konnten, liegt in der Überteuerung der englischen Häuser.

Angetrieben durch die ökonomische Wiederauferstehung sind viele englische Fußballanhänger selbstständige Unternehmer. Wohl genährt, manchmal recht korpulent. Sie pflegen in guten Restaurants zu essen, lassen sich vorzüglichen Wein als Ergänzung zum Bier schmecken, gönnen sich die nicht billigen Fußballkarten.

Die Immobilenhausse spielt im Hintergrund eine entscheidende Rolle. Im brisanten Gegensatz zur langjährigen Wohnungspreisstagnation in Deutschland wird die Insel seit Anfang der 90er-Jahre kontinuierlich durch eine Inflation auf dem Immobilienmarkt geprägt. Warum kann sich der bullige Selfmademan aus Scunthorpe einen langen Urlaub in deutschen Fußballstadien leisten? Weil sich seit 15 Jahren der Wert seines Häuschens im ländlichen Yorkshire um das Dreifache auf eine Million Euro erhöht hat. Seine Finanzkraft, auch sein inneres Selbstwertgefühl, wird massiv gesteigert. Ein nicht zu vernachlässigender Beitrag zum ökonomischen Aufschwung.

Selbstverständlich gibt es eine Schattenseite. Viele junge Leute können die erste, teure Sprosse der Immobilienleiter nicht erklimmen. Daraus ergeben sich Neid, Bitterkeit, Immobilität – schlecht für die Wirtschaft. Für solche frustrierte Möchtegern-Hauskäufer bieten Banken wie Abbey National eine Lösung. Das Kreditinstitut erklärt sich dieser Tage dazu bereit, für so genannte First-time-Buyers extrem hohe Hypothekenkredite bis zum Fünffachen des Jahreseinkommens zu gewähren. Falls der Wohnungsmarkt festbleibt, fördern solche Praktiken die Volksprosperität. Falls sich der Markt auf Grund weiterer Zinserhöhungen drastisch abkühlt, müssen nachher die Häuser mit Verlust wieder veräußert werden. Dann bleibt den jungen Leuten nichts anderes übrig, als Fußball aus der Distanz zu sehen – und damit das Hauptspiel zu verpassen.

David Marsh ist Berater und Banker in London

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