Marsh on Monday
Erhobener Zeigefinger

Seit dem Inkrafttreten der Maastrichter Drei-Prozent-Defizitmarke im Jahre 1991 hat es die deutsche Wirtschaft nicht geschafft diese Grenze in positiver Richtung zu durchbrechen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ist derjenige, der die Wende in der Staatsverscheldung eingeleitet und Deutschland in Europa wieder handlungsfähig gemacht hat.

Für mich als damaliger „Financial Times“-Reporter stellte sich der Maastrichter Gipfel im Dezember 1991 als Höhepunkt dar. Bei einer nächtlichen Pressekonferenz konnte ich Helmut Kohl zu einer Wette überzeugen, ob Großbritannien Ende des Jahrhunderts der frisch angekündigten Europäischen Währungsunion beitreten würde. Sechs Jahre später gewann ich die Partie. England wollte nicht dabei sein. Der Bundeskanzler musste mir per Sonderpost sechs Flaschen 1995er Gimmeldinger schicken.

Die Maastrichter Sicherheitsvorkehrungen waren weniger stringent. Durch eine Abmachung mit den charmanten holländischen Hostessen konnte ich die Polizeiriege durchdringen und das Gespräch mit den Delegationen suchen. Am Rande der Nachmittagssitzung konnte ich einen kurzen Meinungsaustausch mit Bundesfinanzminister Theo Waigel und seinem Staatssekretär, dem heutigen Bundespräsidenten Horst Köhler, führen. Fazit des Gesprächs: Die gerade beschlossenen ökonomischen Konvergenzkriterien gelten freilich ebenso für Deutschland wie für die anderen Länder.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. 1991 war das letzte Jahr, in dem Deutschland den EU-Mitgliedern gegenüber richtig schulmeisterlich auftreten konnte. Auf Grund eines permanent unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums verfehlte Deutschland seitdem fast jedes Jahr seine eigenen Stabilitätskriterien. Zudem haben die meisten anderen EU-Länder in den vergangenen 15 Jahren im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt ihre Kreditaufnahme zurückgedreht. Deutschland ist laut Eurostat inzwischen mit einer Staatsschuld von 67,7 Prozent Nummer sechs auf der Rangliste der hoch verschuldeten Länder der EU.

Jetzt kommt eine neue Wende. Waigels Nachnachnachfolger Peer Steinbrück kriegt die Staatsschuldenkurve, durchbricht die magische Maastrichter Drei-Prozent-Defizitmarke endlich in positiver Richtung. Egal, ob durch die Mehrwertsteuererhöhung das Land zeitweise an wirtschaftlicher Fahrt verliert, Hauptsache ist, dass der erste hanseatische Bundesfinanzminister seit Helmut Schmidt wieder Handlungsfähigkeit gegenüber den EU-Mitgliedern erlangt. An erhobene Zeigefinger aus Deutschland müssen sich die anderen bald wieder gewöhnen. Wahrscheinlich tut dies den meisten gut.

David Marsh ist Berater und Banker in London

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%