Marsh on Monday
Exorbitantes Privileg

Mit der Einführung des Euro haben die Europäer eine Währung geschaffen, die sich an der internationalen Bedeutung des Dollar messen soll. Doch diese Entwicklung birgt auch Risiken: Regelmäßig bringt die Stellung der weltweit wichtigsten Währung die US-Amerikaner in Bedrängnis und die EU-Finanzminister auf die Palme.

HB. Seit Jahrzehnten schauen die Europäer mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf den Reservewährungsstatus der US-Devise. Die Stellung des Dollars als weltweit wichtigste Anlage- und Dispositionswährung bringt die Amerikaner ab und zu ins Bedrängnis; Schwankungen des Greenbacks sind jedoch noch öfter für Europa ein Problem. Die Fähigkeit der Amerikaner, jede Menge Dollar zur Deckung übermäßiger Staatsdefizite an ausländische Währungsbehörden zu emittieren, wurde bereits vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle neidvoll als "exorbitantes Privileg" hochstilisiert. Die laxe fiskalische und monetäre Politik der Amerikaner wird von zwei Generationen europäischer Finanzpolitiker und Notenbanker zwar kritisiert. Auf der anderen Seite versuchen die Europäer, die Amerikaner zu imitieren - durch die Schaffung einer europäischen Währung, welche der internationalen Bedeutung des Dollars gleichkommen soll.

Fast ein Jahrzehnt nach Vollendung der Währungsunion haben sich die Erwartungen in Hinblick auf eine tatsächliche Rivalität zwischen Dollar und Euro nur bedingt bewahrheitet. Der ursprüngliche Widerstand gegenüber der Einheitswährung einiger Stellen im US-Schatzamt und in der Federal Reserve ist einer nuancierteren Haltung gewichen. Sollte der Euro zu einer ernsten Konkurrenz zum Dollar avancieren, so würde dies heute von den amerikanischen währungspolitischen Behörden als wichtiger Ansporn zur weltweiten ökonomischen Disziplinierung eher begrüßt.

Auch die Europäer betrachten den Reservewährungsstatus keineswegs nur als Segen. Gäben etwa die chinesischen Währungsbehörden dem Drängen amerikanischer Politiker nach, den Yuan zum Dollar frei schwanken zu lassen, würde die Bank von China den Dollar-Anteil ihrer immensen Währungsreserven nach und nach senken und den Euro-Anteil aufstocken. Die daraus resultierende weitere Euro-Aufwertung würde für notleidende Exporteure in vielen Teilen Europas eine zusätzliche Belastung darstellen.

Ein "exorbitantes Privileg" genießen heutzutage diejenigen Währungen, die nicht willkürlichen Kaufentscheidungen exotischer Währungsbehörden ausgesetzt sind. Dass der Euro weniger intensiv als der Dollar im internationalen Rampenlicht steht, müsste die Euro-Währungspolitiker eher erfreuen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%