Marsh on Monday
Französische Träume

Wenn Jacques Chirac im Mai aus dem Amt scheidet, blickt er auf eine lange, aber durchwachsense Karriere zurück. Welche Meilensteine möglich gewesen wären, zeigt Finanzexperte und Banker David Marsh anhand einer „Vision“.

LONDON. Der Élysée Palast im Mai 2007: Der französische Staatspräsident Jacques Chirac wird nach vielen Jahren an der Macht feierlich verabschiedet. Die Musikkapelle spielt, der Champagne fließt in Strömen, die Diplomaten stehen stramm.

Ortswechsel. In London finden dieser Tage in den zahlreichen Filialen der Banque Nationale de Paris et Dresden (BNPD) üppige Empfänge statt. Die mächtigste Geschäftsbank Europas, die im Jahre 1992 aus dem Zusammenschluss der BNP und der Dresdner Bank hervorgegangen ist, feiert ihren 15. Geburtstag. Auf Grund der sprachlichen Dominanz der Franzosen benutzen alle Europäer die Beschreibung: „Segment banque d’affaires“.

Zurück in Paris. Im sonst hektischen Bankenquartier „La Defense“ herrscht Ruhe. Während der 90er-Jahre haben die meisten amerikanischen Banken ihre internationalen Geschäfte von der überteuren und überregulierten Londoner City nach Paris verlagert. Heute wird im gesamten Euro-Raum in Anerkennung der überragenden Dienste von Jacques Chirac ein gesetzlicher Feiertag begangen. Die Zahl der Mitgliedsländer des einheitlichen Währungsraums – der mittlerweile nur „Zone Eurofranc“ genannt wird – ist auf 20 angewachsen. Lediglich das bornierte Großbritannien macht wegen seiner wirtschaftlichen Interessen noch immer nicht mit.

Alain Juppé, Präsident der Europäischen Zentralbank, ehemaliger Premierminister und alter Weggefährte Chiracs, flüstert dem scheidenden Präsidenten während der Feierlichkeiten ins Ohr: „Erstaunlich, mon cher, was wir alles geschafft haben!“

Auf Grund einer Abmachung mit dem wirtschaftspolitisch geschwächten Deutschland ist die Europäische Zentralbank (EZB) 2000 an die Seine gezogen. Chriac hat es geschafft! Seiner marktliberalen Politik ist es zu verdanken, dass Frankreichs Wirtschaft produktiver wurde, mehr Jobs geschaffen, die Investitionen erhöht, die Wachstumsraten gesteigert wurden und damit Deutschland im Gerangel um die EZB ausgestochen wurde. Die meisten Beobachter hatten genau das Gegenteil erwartet!

Der alte Mann dreht sich im Bett herum, schüttelt sich und reibt sich den Schlaf aus den Augen. Was hätte passieren können, wenn alles richtig gelaufen wäre!? Schade, dass von der Vision nicht mehr übrig geblieben ist als dieser Traum.

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