Marsh on Monday
Frisch ausgegraben

Labour-Schatzkanzler hatten in der City immer einen schweren Stand. Jetzt kommt Gordon Brown an die Reihe. Der wahrscheinliche Nachfolger von Premier Blair hat sich bereits mit den Finanzmarktakteuren verkracht.

LONDON. Labour-Schatzkanzler waren noch nie die Lieblinge der City. James Callaghan, ebenso unglücklicher wie ungeschickter Finanzminister bei der Pfund-Abwertung von 1967, wurde bis zu seinem Tode von seinen schlechten Erfahrungen mit den Finanzmärkten heimgesucht. Denis Healey, einziger noch lebender ehemaliger Labour-Schatzkanzler, leidet schon seit vielen Jahren unter dem unberechtigten Ruf, die Währungskrise von 1976 nicht richtig gemanagt zu haben.

Jetzt kommt Gordon Brown an die Reihe. Seit fast zehn Jahren Schatzkanzler, wird er wahrscheinlich im Juni in die Fußstapfen von Premier Tony Blair treten. Der Stolz über die guten Wachstumsraten von Browns langer Amtszeit ist längst verblasst. Ein frisch entbrannter Streit mit den Finanzmarktakteuren holt ihn wieder auf den Boden zurück. Enthüllungen über seine kontroverse Abschaffung von Steuerkrediten für Dividendenausschüttungen im Jahr 1997 bringen Brown in ein schiefes Licht. Die City wirft ihm vor, durch unbiegsames Verhalten die Einnahmen kapitalgedeckter Pensionsfonds um Milliardensummen beschnitten und damit die finanzielle Gesundheit unzähliger britischer Rentner ruiniert zu haben.

Warum flammt der Disput gerade jetzt wieder auf? Das Treasury-Ministerium wurde vor einigen Tagen gezwungen, aufgrund des neuen britischen Informationsfreiheitsgesetzes fast zehn Jahre alte, bisher geheim gehaltene Dokumente über das Gerangel zwischen Brown und seinen Spitzenbeamten bei der Aufhebung der Steuervergünstigungen zu veröffentlichen. Aus den vom Schatzamt widerwillig freigegebenen Akten geht hervor, dass seine Beamten ihn vor den negativen Konsequenzen dringend gewarnt hatten, er das aber schlicht ignorierte.

Jede Änderung in der Steuer- oder Rentenpolitik ist mit Risiken behaftet. Für eine Regierung besteht die Kunst darin, die Argumente der Berater abzuwägen, ein politisches Urteil zu fällen und entsprechend zu handeln. Das hat Gordon Brown sicher getan. Doch nun wird das Informationsfreiheitsgesetz von Medien und Politik offenbar immer mehr ausgeschlachtet. Es ist sicher nicht das letzte Mal, dass Details zu finanzpolitischen Entscheidungen zu Tage gefördert werden – zum Ärger der Beamten, aber zum Nutzen der Transparenz im Staatsapparat.

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