Marsh On Monday
Gefährliche Lobeshymnen

Der europäische Zentralbankpräsident Jean-Claude Trichet, neulich von der Financial Times als "Person des Jahres" ausgezeichnet, wird nach dem Abgang von Alan Greenspan als einziger noch verbleibender internationaler Notenbank-Star gehandelt. Doch es gibt viele Gründe, warum der EZB-Chef mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben sollte.
  • 0

Bei der Beurteilung der europäischen Währung springen die Angelsachsen von einem Extrem zum Anderen. Als der Euro vor sieben Jahren zwischenzeitlich nur noch 90 amerikanische Cent kostete, sprachen einige Devisenhändler angeblich von einer "Toilettenwährung". Jetzt, nach dem steilen Anstieg auf 1,47 Dollar, wird der Euro von eben jenen angelsächsischen Händlern mit Lobeshymnen überschüttet. Der europäische Zentralbankpräsident Jean-Claude Trichet, neulich von der Financial Times als "Person des Jahres" ausgezeichnet, wird nach dem Abgang von Alan Greenspan als einziger noch verbleibender internationaler Notenbank-Star gehandelt.

Sicherlich gebührt Trichet für die prompten Liquiditätsbeschaffungsoperationen der EZB in den vergangenen Monaten Respekt. Der französische Währungstechnokrat hat Mervyn King, dem zögerlich handelnden Chef der Bank of England, eindeutig die Show gestohlen. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass bei einer supranationalen Notenbank wie der EZB, der Kurs von vielen Verantwortlichen bestimmt wird - und nicht nur vom Präsidenten. Es wäre fatal, wenn der viel gelobte Trichet der Versuchung erliegen und eine Art Personenkult pflegen würde.

Denn es gibt viele gute und wichtige Gründe, weshalb der EZB-Chef mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben sollte. Zwar hat Trichet die Hälfte seines achtjährigen Mandates bereits hinter sich. Die größte Bewährungsprobe könnte ihm allerdings noch bevorstehen: Der zu begrüßenden Abflachung des Inflationsgefälles und der leichten Beschleunigung des Wachstums innerhalb des Euroraums stehen eine massiven und äußerst problematische Ausweitung der internen Zahlungsbilanzungleichgewichte gegenüber.

Noch ist der Streit mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy über die Unabhängigkeit der Europäischen Notenbank nicht zu Ende gefochten. Und noch ist das Problem der wachsenden Inflationsraten und einer möglichen Zinserhöhung nicht vom Tisch. Die Stärke des Euros spiegelt die Schwäche des Dollars wider. Die Geschichte der Währungsschwankungen der letzten Jahre zeigt aber, dass sich das Bild auch schnell wieder ändern kann. Hochmütig sollte Trichet deshalb nicht werden - auf Hochmut folgt bekanntlich der Fall.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%